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Das konjekturale Denken Neue Ausgabe Leseprobe Mittelteil

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Günter von Hummel

Das Konjekturale Denken

 

(Weitere Leseprobe aus dem Mitteilteil; zusätzlicher Download Link, PDF)



3. 2  DAS FORMEL-WORT UND SEINE  PRAKTISCHE ANWENDUNG


ARE VID EOR:  Das Wesen dieses FORMEL-WORTES aus der lateinischen Sprache kommt - wie erwähnt - am besten heraus, wenn es in einer Kreisform geschrieben ist. Hier daher noch einmal die Abb. 8.

 

are


Noch mehr sogar lässt sich mit ihm anfangen, wenn man es sich auf ein Möbiusband oder ähnliche topologische Strukturen geschrieben vorstellt. Auch würden wir sofort zustimmen können, wenn es in einer schöneren, bildhafteren Schrift geschrieben wäre, so dass es eine SCHAU-SPRICHT-FORMEL ist, ein BILD-3-WORT. Ja, wir könnten sogar schreiben ein BILD -3+n- WORT, denn in diesem Bild von Wort verstecken sich wesentlich mehr als drei Vorstellungen, Bedeutungen, Bilder, Vokabeln. Liest man es von verschiedenen Buchstaben ausgehend, so ergeben sich - selbst wenn diese wie gesagt z. T. ganz unsinnig sind - zahlreiche Lesarten:

 

 

 

A  RE  VIDEOR                     Ich werde von etwas gesehen

REVIDE  ORA                       Schau wieder hin, bete!

EVIDE  ORAR                       Erkenne daraus: Ich werde gesprochen!

VIDE  ORA  RE                     Schau, sprich, in Wahrheit!

VI  DEORARE                       Mit Kraft voll sprechen

VIDEO  RARE                       Ich nehme ungewöhnlich wahr

IDEO  RARE  V                     Deswegen selten Fünf

DE  ORARE  VI                     Vom Sprechen mit Überzeugungskraft

DEO  RARE  VI                     Dem Gotte gelegentlich mit Kraft

EO  RARE VID(E)                 Dorthin schau selten!

AREVI  DEO  R                     Ich bin vertrocknet durch den Gott R.

ORARE  VIDE                       Das Beten (Sprechen) schau an!

 

Die Verwirrung könnte nicht größer sein auch und gerade für den Lateiner, der wirklich eine Botschaft hier herauslesen müsste. Und doch, genau so ist ja das Unbewusste konstruiert: Es ist eine Schrift, die ich selbst geschrieben, aber nicht mehr als meine entziffern kann! Wohl kann ich sehen, dass es konkrete Bilder, Bedeutungen, Vorstellungen darin gibt, aber nicht mehr oder noch nicht, um was es wirklich geht. Das Unbewusste besitzt zwar schon die symbolische Ordnung, ist artikuliert, mir aber nicht so wie das Bewusste direkt zum Herausgeben, zum Aussagen zugänglich. Es ist „strukturiert wie eine Sprache", aber eine Sprache, die man nicht bewusst zur Verfügung hat, denn es ist  - wie Lacan sagt - „die Sprache des Anderen". Des ganz Anderen, des Fremden, des Jenseitigen, des Verkehrt-Herum. Wie das Unbewusste ist das FORMEL-WORT SPRICHT und STRAHLT, SCHAUEN und SPRECHEN zugleich, wenn wir bemerken, dass tatsächlich eine Vision, Vielfalt von Vorstellungen, Bildern darin steckt, aber gleichzeitig auch Aussage, sprachliche Bedeutungen. Das Eine überschneidet sich mit dem Anderen in vielfältiger Form, und was immer auch ins Unbewusste oder in diese Maschinerie des FORMEL-WOTRTES hineingerät, es wird verwandelt und verändert wieder ausgegeben. Aber es wird nicht ziellos verändert. Es ist die Struktur eines Urverdrängten (STRAHLT), die der des Deutens (SPRICHT) gegenübersteht. Im Es STRAHLT, SCHAUEN ist Struktur vorhanden, es ist nicht Nichts. Etwas Strukturelles, Bildhaftes, das damit aber auch schon Möglichkeit zum Symbol, Worthaften in sich hat, ist gegeben. Vergleiche Lacans Symbolketten aus + und - Zeichen, einfachen STRAHLEN, die immer schon eine primitive Ordnung  symbolischer Art verraten.[1] Natürlich steckt auch das SPRICHT, SPRECHEN im FORMEL-WORT, indem viele Deutungen, Bedeutungen, Vorstellungen gegeben werden, aber erst eine letzte, über alle hinausgehende wird wirklich die richtige Deutung sein, denn keine der gegebenen, kann präferiert werden.

 

Ich habe dies an anderen Stellen bereits mehrfach dargelegt und will daher nur kurz rekapitulieren: Wer dieses FORMEL - WORT gedanklich, mental, in sich wiederholt, greift, dem psychoanalytischen Wiederholungsprinzip entsprechend, in eben diesen Vorgang des SPRICHT / STRAHLT, des Urverdrängt / Deutens, ständig ein und zwingt ES, mehr und mehr seinen Gehalt, seine Wahrheit, sein Wesen herauszugeben. Denn ES wird angerufen, aufgerufen, aber nicht mit einer fertigen Frage, Rufung, Satz, sondern mit dem Gerüst, der Struktur selbst, um nunmehr Ant - Wort, Ent - Sprechung, Verdrängungs - Deutung herauszugeben. Dies mag in verschiedenster Form geschehen, wird aber immer jenen Charakter des STRAHLT / SPRICHT beibehalten, der ja auch durchaus ein Charakter des Denkens sein kann, also eines formulierbaren Gedankens (wenn auch speziell in seiner konjekturalen Form).

 

Formulierbar: was die moderne Linguistik untersucht hat, war jene Basis des Aussprechbaren, jene Grammatik der Tiefe, jener Grund, die Grundelemente, aus denen heraus Sprache funktioniert. Aber aus was „generiert" sich das menschliche Sprechen? Welche einfachsten Gesetze liegen ihm zugrunde? N. Chomsky hat „Primketten", „Kernsätze", „Oberflächen- und Tiefenstrukturen" der Grammatik herausgearbeitet, die heute schon längst wieder um- und weiterformuliert worden sind.[2] Wie stets wollen wir uns aber gar nicht zu tief und umfassend in die Linguistik als einer universitären Wissenschaft hineinarbeiten. Wäre nicht AREVIDEOR die ideale Tiefenstruktur, der ideale Kernsatz, die ideale Primkette? Der berühmte Satz „Colorless green ideas sleep furiously", der genau so wie der Satz  „Der Gnafel gircht, dass Inkeln schnofel sind" zu allen möglichen linguistischen Zwecken formalisiert werden kann, führt letztlich zu nichts anderem, als wieder einem Satz des Linguisten, während AREVIDEOR wie eine Wiederspiegelung einer „generativen Grammatik" selbst ist. Ein Satz für jedermann, ein Satz auch für den Laien, für den Kranken, für den allgemein Interessierten und  - warum nicht auch dann wieder - für den Wissenschaftler! Kann er doch viel mehr noch aus einer derartigen, in sich selbst verknoteten, Satz-ver-baumten (in der Linguistik spielen Satz-bäume eine entscheidende Rolle) Struktur das Wesen der Sprache herauslesen, als aus der rein akademischen, universitären Art, die nur einige Fachaspekte heraushebt und wie die idealistische Philosophie Kants viel zu umständlich und szientistisch ist.[3] So führen uns die gerade oben gezeigten linguistischen Sätze uns nur auf die Spur letztlicher Phoneme, können uns aber nicht „heilen", nicht dahin zurückführen, wo die Sprache entstand, in die Welt des Neandertalers z. B.

 

Dabei wäre dies - ich kann mich nicht zurückhalten es nochmals zu sagen - doch so interessant. Man hat auch versucht über die Welt der Musik in diese frühen Verlautungen einzudringen. Auch wenn der Neandertaler gekreischt und gequietscht hat, waren seine Laute doch inhaltliche Enthüllung und Kommunikation, gemeinsames Singen vielleicht. In letzter Zeit hat man in vielen Veröffentlichungen den Zusammenhang zwischen Gehirn, Metrik, Mathematik und Musik, Rhythmen- und Harmonielehren beweisen wollen: aber der Bereich der Musik ist viel zu subjektiv und wenn man einen authentischen Zugang zu all diesen Aspekten haben will, müsste man ihre gemeinsame Entstehungsgeschichte aus den Expressionen der ersten Menschen heraus entwickeln. Gewiss ist mein AREVIDEOR nicht so lautmalerisch wie Formulierungen aus dem Sanskrit oder selbst noch dem Altgriechischen: ep ophrisin neuse kronion ambrosiai darachaitai[4] - das klinkt heute noch archaisch-wild, tief musikalisch. Ich glaube, dass die Neandertaler dramatisch-rezitativ voll ekstatischer Gefühle gejault-gesungen haben, einfach zum umfallen.

 

Ich aber wollte mit unserem „Satz" (dem Satz der FORMEL-WORTE) allen zugänglich sein, vor allem auch jenen Subjekten, die ihn als praktische Hilfe zur Wahrheit brauchen. Denn - wie Lacan ständig wiederholt - ein Signifikant repräsentiert ein Subjekt für einen anderen Signifikanten, ein a re videor repräsentiert ein Subjekt für ein de orare vi usw. Es ist die ideale, reine Differenz sichtbar, nichts trennt eins vom andern als eine zufällige Schnittstelle, Derridas „Unreinheit" der >differance<. Damit geht es um das Subjekt als Ur-Leser, der einfach irgendwo zu lesen anfängt und immer wieder Bedeutungen liest, wo immer er auch anfängt, aber das eigentliche Lesen fängt erst an, wenn er sich darin selbst buchstabiert sieht. Wenn es in ihm ein Echo auslöst, eine Selbsterkenntnis und ein wirkliches Selbst-Genießen. Damit wären wir schon wieder beim Neandertaler, dem es natürlich so ergangen ist. Er las ständig in den Orakeln der Natur und des Anderen, und erst als er die ersten Höhlenmalereien schuf, lernte er das Lesen als Zeichen an die Wand zu bannen. In unserem Verfahren aber ist nunmehr wirklich der „ideale Chiasmus" geglückt, denn Textualität und Visualität sind in engster und gleichzeitig vielschichtigster Weise miteinander verknüpft.

 

Ja, ARE VID EOR (und auch andere FORMEL-WORTE, die man verwenden kann und die z. T. bereits veröffentlicht worden sind) spiegeln perfekt den Grundkomplex wieder, den Lacan das Bild des „zerstückelten Körpers" nennt. Auch in diesem Komplex treffen wir uns mit dem Neandertaler in idealer Weise, eben, weil er Körper war, extrem Körper. „Die Bilder des zerstückelten Körpers repräsentieren die aggressiven Intentionen",[5] die also viel schwerer in einem Bild, Blick, Struktur zusammenzufassen, zusammenzuhalten sind, als etwa die libidinösen Strebungen, die im Bild-Symbol des „Fleisches", der „Rotheit" oder des Phallus viel eher einheitlich repräsentiert sind. Da aber der Körper so wie wir ihn hier verstehen, signifikante Anatomie ist, können die signifikanten Einheiten, die in ARE VID EOR alle zusammengefasst sind, am besten an die Struktur als solche herankommen, also sowohl an die aggressive wie die libidinöse, wenn man ein derartiges FORMEL-WORT beständig, gedanklich übt. Dies wird vor allem deutlich werden, wenn ich sogleich die praktische Anwendung beschreibe, die ich in dieser Form auch Analytische Psychokatharsis nenne.[6]

 

Noch dazu ist es im FORMEL-WORT gelungen, auch unsere Ausgangsformeln SCHAUEN (videor) und SPRECHEN (orare) als Einzelelemente mit in die Formulierung hinein zu nehmen. Das wäre zwar nicht unbedingt nötig, macht das Ganze aber noch plausibler. Schließlich sollen, wie ich noch im praktischen Teil zeigen werden, alle Drei-in-Drei´s sich durchschlingen (Die Drei des STRAHLT-FORMEL-WORT-SPRICHT mit der Drei bzw. Mehrheit der Vorstellungen, Bedeutungen im FORMEL-WORT selbst). So wird jede vorbeeinflusste Einheit vermieden, wie sie evtl. noch in dem Wörtchen Drei auftauchen könnte! Das Subjekt kommt hier voll zum Zuge! Der Mensch, neandertalerisiert, kann wirklich wieder Mensch werden, wohin uns die faszinierende und interessant schöne Paläontologie nie allein hätte hin führen können. Und dass das somit gewonnene konjekturale Denken tatsächlich an letzte Reale heranführt, mag noch eine weiter Erklärung stützen.

 

Das Reale, das Wirkliche ist nicht die Realität, die Wirklichkeit. Letztere ist mehr etwas rein Äußerliches. Freud nannte das Reale noch das „psychisch Reale", was oft missverständlich war, weil man es mit bewussten psychischen Aspekten, etwa starken Gefühlen verwechselt hat. Das Reale, das dem Symbolischen (SPRICHT) und dem Imaginären (STRAHLT) gegenübersteht, wurde schon durch den Schräg-, Bruchstrich zwischen beiden formal repräsentiert. Das konjekturale Denken, die Analytische Psychokatharsis vermittelt jedoch auch eine direkte Erfahrung davon. Und zwar nicht nur deswegen, weil das STRAHLT und SPRICHT primärprozesshaft die Grundtriebe, -prinzipien selbst sind, sonder auch deswegen, weil die FORMEL-WORTE wie ein Zufallsgenerator wirken. Denn: „Das Reale antwortet auf den Zufall."

 

Ich werde noch an Beispielen zeigen, wie die wirklichen Antworten aus dem Unbewussten aussehen können. In der herkömmlichen Psychoanalyse werden sie durch die „freien Assoziationen" und die daraus folgenden Deutungen des Analytikers gemacht. In der Analytischen Psychokatharsis kommen sie jedoch aus dem Zusammenspiel aller drei Komponenten selbst heraus. Erstens durch das Reale des STRAHLT / SPRICHT und dann durch den Zufallesgenerator, den die FORMEL-WORTE darstellen. Denn diese sind ja aus so vielen disparaten Bedeutungen, Bildern und Buchstaben gemacht, dass nur ein großer Zufall daraus eine kohärente Geschichte, eine logische Formation, ein schlüssiges Werk machen könnte. Eben, das kann nur das Unbewusste, und damit schließt sich der Kreis. Weil das Reale durch das Üben mit dem STRAHLT >FORMEL-WORTEN<  SPRICHT im Sinne eines Zufalls geradezu herausgefordert wird oder anders gesagt: weil das Üben als Zufallsgenerator wirkt, auf den das Reale antworten muss, kommen tatsächlich oft Worte oder kleine Sätze im konjekturalen Denken zustande, d. h. es wird eben nicht mehr ständig „gerichtet" gedacht.

 

Letztlich geht es dabei natürlich um so etwas wie einen nicht ganz zufälligen Zufall, was die Philosophen auch Kontingenz nennen. Trotzdem beharrt die Wissenschaft zurecht auf dem Zufall als einem eben nicht zu vorschnell Erklärtem, Gewussten, Vereinnahmten, während Esoteriker und mythisch Wissende diesbezüglich inkorrekt verfahren. Das konjekturale Denken scheint auch etwas Irrationales zu sein, aber es ist wissenschaftlich klar definiert und lässt dem Zufall wenigstens den ihm gerechterweise zukommenden Wert. Auch die Erfahrung der Natur, der Physik kann uns nicht zu diesem letztlich Realen führen! Denn wir haben doch gesehen, wie die Physiker sich abmühen, ihre Allumfassende Theorie zu begründen, indem sie sich ans physische Sein klammern und an eine letztlich ziemlich abgehobene Mathematik und dabei restlos das Wesentliche verlieren, nämlich Wahrhaftigkeit, Triftigkeit, Authentizität. Es geht nicht allein ums Sein, Dasein, An-und für-Sich- sein, um mit Heidegger zu reden, es geht überhaupt nicht um eine Ontologie (davon kann freilich auch jeder eine haben), in der der Philosoph das „Sein" genussvoll verkostet, ja manchmal geradezu neandertalerisch verspeist. Es geht um die Wissenschaft vom Subjekt, um die Wissenschaft des Genießens selbst, also darum, im Reden schon Wahrzunehmen, im SPRECHEN schon zu SCHAUEN, im SCHAUEN bereits die Aussage zu haben, wahrhaftig zu SCHAUEN und damit zu wissen, welcher Kombinatorik beide unterliegen. Es geht darum  - wenn man einmal so kühn formulieren darf - zu denken wie ein Atom denkt und gleichzeitig wie ein Mensch zu SPRECHEN, also von der verobjektivierten physikalischen Erkenntnis wieder zurück und zugleich nach vorwärts zu einer Psychoanalyse für den physikalischen Hausgebrauch zu kommen, d. h. Genuss und Erkenntnis in einem zu haben.[7]

 

Viele Psychoanalytiker sehen als das Ziel der Analyse die „Objektkonstanz" an, d. h.  die Fähigkeit, im Einklang mit den Objekten zu sein, Beziehungen zu Objekten aufrechtzuerhalten, die unabhängig von Bedürfnisbefriedigung sind[8], aber auch eine mehr ans Ich, ans „egozentrische Erleben" gebundene Erfahrungskonstanz wird darunter verstanden. Kurz, wie wir es schon bei den Objektbeziehungen gesehen haben: es gibt gar keine wirkliche Objektkonstanz, kein konstantes inneres-äußeres Universales. Zu einzelnen Objekten mag man eine gewisse Beziehungskonstanz herstellen[9], aber nicht zur Universalität der Objekte, insofern es doch ein wesentliches Kennzeichen des Menschen ist, im Gegensatz zum Tier, ein Universum von Objekten zu haben. Können wir nicht jetzt sagen, dass es durch unser Training gelingen muss, erst einmal den Ein-Klang zu lernen, d. h.  jenen „Klang", der quasi hörbar ist, weil er die inneren mit den äußeren Geräuschen vereint und gleichzeitig auf ein SPRECHEN hin anstimmt, das wir, wie in der Psychoanalyse das „volle SPRECHEN" nennen können, denn es ist ein SPRECHEN, das nichts zurückhält.[10] Volles SPRECHEN und auf der anderen Seite „Blick-Konstanz" können wir also erreichen! Eine Blick-Konstanz kann es geben, eine Konstanz der Blickbeziehung hindurch durch alle Signifikationen, indem das FORMEL-WORT den Blick des „a re videor" mit dem des „vide orare" verkuppelt. Ja der Blick einfach in das reine Bildhafte einer neungliedrigen Zeichen-Reihe kann konstant werden, wenn darin eben letztlich doch auch etwas Worthaftes zu lesen ist! „Das Wort ist kein Zeichen, sondern ein Bedeutungsknoten", was sich in unserem FORMEL-WORT mehr als bewahrheitet!

 

Dieser Blick kann unmöglich als Blick im Sinne des photographischen Klick, der neurologischen 0,2 sec-Aufmerksamkeitseinheit zu behalten sein.[11] Er muss ein SCHAUEN werden, also etwas, in dem der Blick urhaft aber eben auch konstant werden kann, weil nicht mehr viele Bilder gesehen werden, viele Himmel, sondern nur noch einer. Die „Blick-Konstanz", Schau-Konstanz, das ist das SCHAUEN in einen Himmel, in dem auch zu Sehen ist, was zu Sagen wäre, d. h.  dass das SCHAUEN bei der „Stimme des Objekts" angekommen ist. Ja, in einem gegenseitigen Beeinflussen steht nunmehr die Blick-Konstanz dem vollen SPRECHEN gegenüber, von dem Lacan sagt, dass es das Ende der Analyse anzeigt. Blick-Konstanz, also wirkliches SCHAUEN und volles SPRECHEN ist das Ziel unseres Trainings! Es ist eine erneuerte Wahrnehmung und Selbsterkenntnis zugleich, Genießen und Erkennen.

 

Warum kann dieses Vorgehen wie eine Analyse funktionieren, ohne dass ein Analytiker real gegenwärtig ist? Wie ich ebenfalls schon früher ausgedrückt habe, ist der Analytiker dann am gegenwärtigsten, wenn er in seinem Übertragungsaspekt gegenwärtig ist, als Übertragungs-Objekt, wenn er im Zenith der Übertragung steht. Das ist nicht sein realer Körper, was da im Zenith der Übertragung steht, auch nicht nur sein so wichtiges zuhörendes Ohr, sondern es ist genau jene Kombinatorik aus SCHAUEN und SPRECHEN, das wir „ein dem Wissen unterstelltes Subjekt" nennen können.[12] „Die Funktion dieses dem Wissen unterstellten Subjekts nimmt seinen Wert an, wenn man es auffasst als bezogen auf die Synchronie, die sich in folgendem Punkt entfaltet: seine ständige Präsenz gestattet es uns, uns an einem bestimmten Knoten der Struktur zu befreien von der Entfaltung der Diachronie, die gezwungen ist, uns zum absoluten Wissen zu führen".12 Synchronie und Diachronie sind Begriffe aus der Sprachforschung, die das Funktionieren der Sprache als einem Nacheinander (diachron) und gleichzeitigen Zueinander (synchron) auffasst. Unschwer für uns hier wieder SPRECHEN und SCHAUEN zu erkennen: das Nacheinander bestimmter Buchstaben (das uns nur zu einem absoluten Wissen Hegelscher Art führen würde) wird gekreuzt von einem Zueinander (das uns nur zu einer Vision, einer mystischen, semantischen Schau führen würde). Wir befinden uns also wieder am Schnittpunkt, Kreuzpunkt eines Metonymisch-Metaphorischen Komplexes,  was das Wesen der Grund-Kombinatorik ausmacht und genau das ist der Analytiker als Objekt der Übertragung, als ein dem Wissen unterstelltes Subjekt, als Schnittstelle eines Wissens per se mit dem Semantisch-Visionärem als solchem.

 

So kann unser FORMEL-WORT  genau in diesem Sinne funktionieren und ein Wissen bieten, das weder absolut ist, noch immer nur als unterstelltes zu haben ist. In vielen Fachdiskussionen wird vom „idealen Analytiker" gesprochen, was gerade innerhalb der Psychoanalyse widersprüchlich ist, denn Idealisierungen sind Abwehrformen, Verschiebungen ich-hafter Natur, reine Konstrukte. Dagegen kann man - wie schon mehrfach erwähnt - beim STRAHLT -FORMEL-W. - SPRICHT vom „idealen Objekt" sprechen (Kants und Lacans „Ding"), denn es hat ja einen festen, konstanten Charakter, ist aber ideal nutzbar. Es ist schon Frage genug, was denn überhaupt ein Psychoanalytiker wirklich ist, was sein unbewusstes Begehren ist. Umgekehrt aber ist unser FORMEL-WORT  jedenfalls ein Analytiker-Konzentrat, ein strukturell aufs Minimum reduzierter, ein optimierter Analytiker. Ein Analytiker, dessen störende physische Präsenz wegapostrophiert ist, so dass nur noch der trianguläre Körper von STRAHLT, SPRICHT und dem FORMEL-WORT übrig bleibt. Ich könnte auch vereinfacht sagen: ein strukturell nackter Analytiker, ein Analytiker in seiner nur-realen, direkten Präsenz, die nur solange Übertragungspräsenz ist, bis das Ende erreicht ist. Damit haben wir das herkömmliche analytische Verfahren fast umgedreht: Der Analysand und nicht der Analytiker bedient sich der „schwebenden Aufmerksamkeit", indem er Blick-Konstanz erreicht, d. h.  eine sonst nie zu erreichende Introspektion. Gleichzeitig ist er angeleitet, diese Introspektion durch das FORMEL-WORT und in die zweite, konzentrative Übung hinein zu halten, bis sich ein letztes Ergebnis darstellt. Und die „freien Assoziationen"?

 

Im FORMEL-WORT selbst und in der zweiten Übung des SPRICHT, des „Lautes", ist der größte Teil der „freien Assoziation" schon gegeben. Freier als die vielen Bedeutungen im ARE VID EOR es veranschaulichen kann man gar nicht assoziieren, auch wenn diese vorerst einmal nicht unbedingt den eigenen, persönlichen Assoziationen entsprechen. Dafür aber sind diese hier strukturell viel „freier", extrem frei vorgegeben. Im SPRICHT-Anteil der Übung aber kommen dann doch noch die persönlichen Assoziationen zum Zug. Nur sind sie hier schon ein bisschen mit der Deutung verbunden, sind schon interpretierende Assoziationen (wie ich gleich an Beispielen demonstrieren werde). Indem nun also ein Teil der „schwebenden Aufmerksamkeit" verlagert worden ist, nämlich in den, der das (oder die) FORMEL-WORTE übt, also in den Übenden selbst, ist der Analytiker jetzt da zu suchen, wo er am besten nur sein kann: im Unbewussten, an der Schnittstelle von SCHAUEN und SPRECHEN, insofern diese unbewusst ist, unbewusster Wunsch, unbewusstes Begehren. Denn „das Begehren erfasst sich nur in der Interpretation selbst",[13] im Ergebnis der Übungen selbst. Wenn mir aus den Übungen meine „unbewussten Gedanken" - wie Freud sie nennt - bewusst werden, weil ich sie genau an diesem Chiasmus von Texualität und Visualität aufspüre, ist die physische Gegenwart des Analytikers nicht unbedingt notwendig (der Analytiker ist in diesem Verfahren also sowohl im FORMEL-WORT als auch im eigenen Unbewussten präsent).

 

Ich kann diese Erfahrung durch ein ganz humorvolles Beispiel erläutern: jemand, der diesem Verfahren, das ich in seiner praktisch auszuführenden Version auch Analytische Psychokatharsis genannt habe, sehr kritisch gegenüberstand, es aber dennoch schon einige Zeit übte, hatte plötzlich den wie von ferne her kommenden Gedanken oder die Eingebung oder vermeinte gar es fast gehört zu haben: „Nichts gesagt!" Doch im selben Moment realisierte er natürlich, dass gerade sehr wohl etwas gesagt wurde, nämlich die zwei Worte „Nichts gesagt!" Aber nicht nur dies überzeugte ihn, dass die analytisch psychokathartische Methode - die ich hier also wegen der Theoriebezogenheit konjekturales Denken nenne -  doch funktioniert, er verstand jetzt auch wie das Unbewusste konstruiert ist: nämlich oft durch Gegenbesetzungen, durch ein „Andersherum" zum Bewussten. Denn bewusst war er ja der Meinung gewesen, dass dieses therapeutische Verfahren eigentlich „nichts sagt", es ist Humbug, Nonsens. Das Unbewusste aber schob ihm im selben Moment eine kleine Offenbarung, eine echte Deutung zu: nämlich dass er einen Widerstand hatte, dass das Unbewusste tatsächlich etwas „Wahres" sagt, weil es wie ein Wort des Anderen ist, des Anderen in und außerhalb von uns (denn obwohl ihm schon klar war, dass es etwas von ihm, in seinem Inneren war, hatte er doch auch das Gefühl, als habe es ihm ein Lehrer, ein Deuter eingegeben.

 

So erfahren (gehört) ist es nämlich etwas ganz anderes, als wenn der Übende bei sich selbst nach einiger Zeit kritischen Zweifelns und rein „gerichteten" Denkens den bewussten Einfall gehabt hätte: ach, vielleicht ist ja doch etwas an diesem Verfahren dran. Er wäre durch diese äußere Logik nur sehr schwach überzeugt gewesen. Aber als dies wie von tief heraus, wie fremd aus dem eigenen Inneren, ja genau wie die „Stimme des Objekts" um das es hier geht, ihm zukommt, ist die Überzeugung eine andere. Plötzlich war aus dem „universalen Gemurmel" heraus (den Lauten, Klängen, Raunen, etc.) exakt jene Andersheit, wie hörbar herausgetreten. Der / das Andere selbst (innen und außen) hat gesprochen. Das erzeugt Erkenntnis und Befreiung, Genießen. Dabei hat diese Erfahrung des „Nichts gesagt" und der Erhellung der dahinter steckenden Bedeutung nichts mit Mystik zu tun. Es ist das Unbewusste, das SPRICHT (und auch in einem gewissen Maße STRAHLT, denn das „Nichts gesagt" ist eine so kurze, fast bildhafte Formel, ein Blitz, der eben auch ein kathartisches Gefühl erzeugt hat).

 

Der Übende kommt selbst direkt dahin, wie ein Möbiusband zu sein, das solange Hilfskonstruktion ist, bis man diese Topologie durchschritten hat und so etwas wie dieses „Nichts gesagt" auftaucht. Die „freien Assoziationen", die also nur formal gegeben sind, und die während des Übens in Form von Bildern, Gedanken, Erinnerungen etc. auftauchen, müssen also nicht mehr einem Analytiker mitgeteilt werden. Sie werden im Weiterüben immer wieder zurückgelassen, bis sie in die Deutung miteingehen, die nicht nur aus der Schnittstelle im Unbewussten auftaucht, sondern ja auch in den FORMEL-WORTEN zum Teil mit vorgegeben ist. Denn die drei oder mehr Vorstellungen, Be-Deutungen im FORMEL-WORT (es werden zudem mehr als nur eines benutzt) sind ja so disparat, so vielschichtig, dass sie nicht nur einen isolierten Lebensbereich überspannen. Sie sind sogar so vielschichtig, dass der oben genannte Übende gemeint hat: alles Unsinn, Nonsens. Insofern keine einzelne Bedeutung zu präferieren ist, und eine vierte oder x-te letztliche Lösung aus dem Komplex der Übungen heraus gefunden werden muss, bleibt man solange einem Assoziations-Aufmerksamkeits-Bedeutungs-Karusell unterworfen, das tatsächlich auch unsinnig sein kann, bis die letzte Interpretation gefunden ist, die allen Aspekten gerecht wird.

 

Ein weiteres Beispiel: jemand, der depressiv war und erst gerade vor kurzem mit den Übungen der Analytischen Psychokatharsis begonnen hatte, machte im Moment tiefer Entspannung die Erfahrung, dass er ein „Aber-du-bist-ja-in-England" wahrnahm. Sogleich erinnerte er sich, dass er vor zwei Tagen daran gedacht hatte, endlich richtig Englisch lernen zu müssen, da er unglücklich in seinem Beruf war und nur mit Sprachkenntnissen weiter käme. Zudem hatte er früher einmal ein erhebendes Erlebnis gehabt, als er schon Suizidgedanken gefasst hatte und in diesem Moment ein Sonnenstrahl die ihn umgebende Landschaft in ein besonders glänzendes Licht verwandelte. Auch damals hatte er gedacht: „Aber da ist ja was in dir!" und so konnte er seine Psychokatharsis (tiefe Entspannung) Analytisch fortführen: du kannst jetzt zwar die englische Sprache noch nicht, aber die positive Zukunft ist schon da, du bist schon im Land deiner Erwartungen. Jetzt ging er das Englischlernen wirklich an und hatte keine Depressionen mehr.[14] Ich werde unter „weitere praktische Anleitungen" noch ausführlicher darauf eingehen und nochmals ein praktisches Beispiel zitieren.

 

Wer trotzdem noch skeptisch ist, muss daran erinnert werden, dass mit dem FORMEL-WORT ja auch STRAHLT und SPRICHT geübt werden, die Triebebene, die dem Realen nächste Ebene, um die es geht, ja damit ebenfalls einbezogen ist, und auf die ich im Praxisteil noch eingehe. Deswegen sage ich, dass man das STRAHLT sieht, d. h.  irgendwie wahrnimmt, obwohl man es natürlich nicht im sinnesphysiologischen Sinne sieht. Und dass man das SPRICHT hört, weil man dann sozusagen soweit in den Strudel des Triebs hineingezogen ist, dass man tatsächlich von einem Hören reden muss, obwohl es kein physikalischer Laut ist. So, im Sinne von Schmidt-Hellerau, könnten wir auch sagen, funktioniert der Analytiker als ÜbertragungsObjekt, als Trieb-Trieb-verschaltung, als Verschaltung von STRAHLT / SPRICHT und FORMEL-WORT, ohne dass der Analytiker selber dauernd physisch und deutend präsent sein muss. Denn es sind doch die Triebe, die an der Schnittstelle Analytiker nackt dastehen, objekt-los, und die an dieser Schnittstelle neue Zusammensetzung erfahren, neue Objekte finden, wenn ein FORMEL-WORT sie führt. Warum sollte man dieser Verschaltung nicht Wissen unterstellen, ist es doch die Urverschaltung überhaupt? Dies wird auch beim üblichen Ablauf einer Psychoanalyse sichtbar, wenn wir z. B. sagen, dass die Übertragung ja schon einsetzt, bevor man seinen Analytiker zu Gesicht bekommt. Für das In-Gang-Setzen der Übertragung genügt es, dass man sich fest entschlossen hat, zum Analytiker zu gehen. Schon in diesem Moment träumt man seinen „Initialtraum", seinen ersten Übertragungstraum und sind auch alle Übertragungsmechanismen bereits in Bewegung. Genau an diesem Punkt greift unser Übungsverfahren also ein, indem es die Übertragung in ihren Primärmechanismen (STRAHLT / SPRICHT) aufnehmend durch stetiges Üben die Widerstandsseite der Übertragung durchbricht und schließlich, wenn sich das Wissen um eine eigene, neue Formalisierung einstellt, die Übertragung auch wieder auflöst, ohne permanente physische Präsenz und Deutungsinhalte des Analytikers.

 

„Das Wissen ist intersubjektiv, was nicht heißen will, dass es das Wissen von allen ist, aber dass es das Wissen des Anderen ist, mit großem A. Und der Andere, wir haben es festgestellt . .: der Andere ist kein Subjekt, er ist der Ort, zu dem man sich seit Aristoteles zwingt, die Fähigkeiten des Subjekts zu transferieren".12 Mit anderen Worten also nochmals: die körperliche Anwesenheit des Analytikers ist eigentlich mehr störend als nützlich (und mehr als ein Analytiker haben das schon bemerkt, nicht umsonst versteckt er sich  hinter der Couch und verbirgt sein Gesicht), sie verhindert eher, dass das Subjekt seine Fähigkeiten voll entfaltet. Man kann die Analyse nur vorantreiben, wenn man die Stimme des Analytikers, seine physische Erscheinung beim Begrüßen und Weggehen etc. auch noch ausschalten könnte. Dafür ist es um so wichtiger, dass der Analytiker als das, was er ist, als prinzipielles, privilegiertes Objekt der Übertragung vorhanden ist, als Angelpunkt von Bild-Trieb-Wort-Trieb, als triebzentrierte Bild-Wort-Verschaltung. Ja, dass er nur in dieser formalisierten, in dieser zugespitztesten Art vorhanden ist, und dass die Deutung in den Objekten selbst schon so weit vorgezeichnet ist wie es in einem Feld menschlicher Erfahrung der Fall ist, die durch drei oder mehr Bezeichnungen (a re videor, ora re video, vi deo rare ect.) vorgerahmt ist. Deutung und Auflösung der Übertragung fallen dann zusammen, denn sie werden vom Subjekt selbst besorgt in all den Erfahrungen, die während des Übens auftreten. Ein Rest an analytischer Interpretation muss dann manchmal noch am Schluss nachgeholt werden.

 

Ein ganz entscheidender Vorteil gegenüber der herkömmlichen Psychoanalyse besteht aber darin, dass durch das Üben des STRAHLT ARE VID EOR SPRICHT die Struktur nicht nur der libidinösen sondern auch der aggressiven Triebe getroffen wird. Im klassischen analytischen Setting werden Aggressionen gegen den Analytiker als „negative Übertragung" aufgefasst. Damit kommt der Analytiker nur schlecht zurecht, weil das konstruktive Arbeitsbündnis damit meist verlassen und oft ein Abbruch der Analyse zustande kommt. Wir arbeiten dagegen mit der positiven Übertragung, die sich sowohl auf die FORMEL-WORTE richtet (man muss die Formulierungen schon ein bisschen lieben, sonst ist das Üben sehr mühsam!), aber auch in der Erfahrung des STRAHLT / SPRICHT gegeben ist. Denn diese Erfahrung ist einer der Triebe selbst, die - durch das Üben mit den FORMEL-WORTEN, aber auch durch die intellektuelle Einsicht in die wissenschaftlichen Zusammenhänge gehalten - eine Art von Primär-Liebe ist (Liebe als kognitive Erfahrungsmöglichkeit!).

 

Die reine Kognition dagegen, etwa bei den Kognitionswissenschaftlern, bleibt bei Tausenden von unpersönlichen, banalen Beispielen für den Kognitionsvorgang stehen, das Subjekt selbst, das sich aussagende, sich erzählende Subjekt fehlt. So bieten die FORMEL-WORTE weitaus freiere, in seinen Assoziationen bis in die phonemhaften Schnittstellen hineinreichende Einfälle, die freilich zuerst einmal nicht die persönlichsten Einfälle des Übenden wiederspiegeln, die ihn aber zwingen, in dieser spontanen, breiten Richtung weiter zu assoziieren, kognitiv zu experimentieren, um schließlich in einem letzten Einfall ans Ziel seiner Deutung zu gelangen. Denn wie Langs in einer neuesten Arbeit dargelegt hat,[15] ist die Deutung am wirkungsvollsten, die sich nicht am manifesten Inhalt der Einfälle orientiert, sondern an latenten Inhalten der „unmittelbaren analytischen Interaktion", d. h.  der Übertragung als solcher, die nichts als ein Knoten von SCHAUEN und SPRECHEN ist, von „projektiven Identifikationen" (einem SCHAUEN, auch beim Analytiker) und „katastrophalen Wahrheiten" (einem SPRECHEN, wo das Andere spricht). Die Übertragung selbst ist der Knoten von ARE VID EOR oder wie auch immer. Denn die Übertragung ist insofern ja immer auch schon Deutung, ist Kognitionswissenschaft selbst: „Dass eine Übertragungsdeutung überhaupt möglich ist, zeugt demnach von nichts anderem als davon, dass die Übertragung in ihrem Wesen und ihrer Struktur nach selbst schon Deutung ist, Erzeugung von Bedeutung durch eine Reihe historischer Wendepunkte hindurch".[16] Die Übertragung ist Deutung, als sie nur um die psycho-linguistische, kognitionstheoretische Achse ihrer selbst gedreht werden muss. Diese Dinge werde ich an anderer Stelle noch ausführlicher darstellen, denn für die Anknüpfung an die Psychoanalyse sind sie wichtig, aber ich denke, dass sie wenigstens von der kognitionswissenschaftlichen Seite her sofort einsichtig sind. Dort geht es um genau jenen Algorithmus, der einen mathematischen Ausdruck (eine präzise Deutung) in Sprache (sprachliche Assoziationen) übersetzt.[17]

 

Gewiss will ich nicht behaupten, dass das Training der Analytischen Psychokatharsis die Analyse immer voll ersetzen kann, aber es kann sie vertiefen, erweitern und es kann evtl. für bestimmte Probleme auch allein eingesetzt werden, z. B. insbesondere solche psychosomatischer Störungen. Auch wird das Training nicht nur mit einem einzigen FORMEL-WORT auskommen, sondern man wird mehrere, evtl. bis zu fünf (eine Zahl, auf die ich gerade wegen des Inhalts des Unbewussten hingewiesen habe) hintereinander wiederholend verwenden, weil ein derartiges Vorgehen  das Üben vertieft und dadurch der Reichhaltigkeit des analytischen Vorgehens besser gerecht wird.

 

Jedes Zuviel an Mathematik, jedes Zuwenig an Metaphorik der Kognitionswissenschaft oder umgekehrt (jedes zuwenig an Mathematik und zuviel an Metaphorik, wie es bei den Psychoanalytikern oft der Fall ist), stört sowohl das Eigentliche der Wissenschaft wie das der Kognition (auch das der Psyche und das der Analyse). Die Kognitionswissenschaftler haften zu sehr am Mathematischen und haben für das Metaphorische zu wenig übrig, so dass sie zwar immer besser den rein formalen Vorgang der Wahrnehmung, der Kognition etc. darstellen können, aber nie die Höhe eines wirklichen Sinns erreichen, d. h.  die Wahrheit ihres Unternehmens! So wie ich gefragt habe, ob es wirklich sinnvoll ist, immer größere Teilchenbeschleuniger zu bauen, müssen wir uns auch fragen, wie lange immer stärkere Formalisierungen, Computerisierungen unserer Kognition sinnvoll sind, und ob es nicht besser wäre, jedem Menschen eine Psychoanalyse zu ermöglichen in Form eines Wahrnehmungstrainings für jedermann, um die immer globaler werdenden Probleme der Menschen in den Griff zu bekommen von innen heraus! Auch die meisten Analytiker sind schon zuviel außen!

 

Bei der Frage der Formalisierung ist nämlich auch Lacan, auf den ich mich hier vielfach berufen habe, stehen geblieben, indem er in seinen letzten Jahren vorwiegend mit den Dreifach-Verknotungen von Fadenringen, insbesondere dem Borromäischen Knoten (drei Ringe sind so ineinander verschlungen, dass die Ablösung von einem alle drei löst) beschäftigt war.[18] Warum hat er nicht im Bereich der Sprache selbst, die doch seine Domäne war, im Bereich der Signifikant - Signifikatswirkungen nach einer entSPRECHENden Formalisierung gesucht? Sein Werk ist durchzogen von Wortspielen, die ganz eindeutig auf bild-worthafte Durchdringungen hinweisen, die denen des Unbewussten korrelieren. Trotzdem hat er am Schluss bei der Mathematik und der Geometrie mit ihren bildhaften Elementen (hier fehlen aber wieder zu stark die worthaften Elemente) Zuflucht gesucht. Vielleicht hat die französische Sprache, die sehr zu homophonen Kombinatoriken reizt, das Auffinden derartiger FORMEL-WORTE verhindert, wie wir sie in der deutschen und vor allem auch der lateinischen Sprache, die ja Jahrhunderte lang die lingua franca der Spiritualität war, wiederentdeckt haben! Man kann gar nicht genug betonen, wie sehr das Lateinische dadurch wieder Boden gewinnen könnte, denn jedermann ist aufgefordert  - und sei es gerade durch das Üben des Wahrnehmungstrainings - noch bessere FORMEL-WORTE zu finden!

 

Ich sage, dass das SCHAUEN seine Lust selbst nicht halten kann, die Schaulust durch ihre eigene Dynamik sich selbst kastriert (sich ständig im Spiegel zu sehen, ist, wie vor seinem Schatten Angst zu haben, der reine Horror[19]) und es daher ein SPRECHEN braucht und umgekehrt.    Es ist ja das SCHAUEN als solches, es „will" sehen. Allerdings, wenn es mich selbst anblickt, muss ich mit ihm hindurch durch die „Engführungen des Signifikanten", also mich durch den Fleischwolf des SPRECHENs drehen lassen, indem es zum „hörbaren Material"[20] geworden ist, zum „Laut", und da wird das FORMEL-WORT hilfreich sein, denn es führt mich auf „verantwortbaren"[21] Bahnen zu meinem SCHAUEN zurück. Somit bin ich aufgerufen, das letzte Reale mir selbst zu besorgen.



[1] Lacan, J., Schriften I, Walter (1980) S. 46

[2] Gardner, T., Hauptströmungen  der  modernen Linguistik, Vandenhoeck und Ruprecht (1973)

[3] Wir verweisen hier nochmals auf Lacans Bemerkungen zum universitären Diskurs, bei dem das Wissen nicht am Platz der Wahrheit, sondern immer an dem eines „Mehr-Wissens" - analog dem Marx'schen „Mehr-Wert" - steht. Der Psychoanalytiker dagegen, der sich als Objekt der „Mehr-Lust" zu sehen hat, kann wirklich das Wissen hervorlocken, das am Platz der Wahrheit herauskommt.

[4] Ein Vers aus der Ilias, dessen Stelle ich nicht mehr gefunden habe.

[5] Lacan, J., Ecrits, ed. Seuil (1966) S. 104

[6] Mit dem Begriff konjekturales Denken ist zwar die Methode theoretisch beschrieben und selbstverständlich auch dieser Wechsel von „gerichtetem" Denken und Nicht-Denken gemeint. Praktisch psychologisch heißt das „gerichtete" Denken dann Analytisch und der Effekt des Nicht-Denkens Psychokathartisch.Das griechische Wort kaqairo bedeutet reinigen, herunterwaschen. Katharsis ist ein bis ins Körperliche hinein spürbares Durchrieseln, Befreien, reinigendes Erneuern.

[7] Eigentlich ist dies die Ausdrucksweise Wolfs in seinem von uns zitierten Buch „Die Physik der Träume", das wir so nicht billigen können, aber der Anschaulichkeit halber darf ich mich auch gelegentlich so verbreiten.

[8] Mertens, W., Kompendium  psychoanalytisch. Grundbegriffe, Quintessenz (1992)  S. 149

[9] Man spricht dann eigentlich besser von Teilobjektbeziehungen, eine Anknüpfung an den von Abraham geprägten Begriff der Teil- oder Partialobjekte. Letztlich bedeutet dies, dass man zu einem anderen Subjekt, das als Objekt gedacht wird, eine Beziehung analog derer, die man zu Gebrauchs-Objekten, zu Gebrauchsgegenständen hat, unterhält. Freud argumentierte hier gleichermaßen auf der sexuellen Schiene bezüglich des Sexualobjekts, d. h.  der Frau, zu der es also gelingen sollte, Objektkonstanz herzustellen.

[10] In seinem Vortrag in Wien am 7.11.1955 ließ Lacan das Pult sprechen, an dem er stand, weil eben „auch dieses dem Signifikanten unterworfen ist", d. h.  , dass das volle Sprechen wie das Pult in uns ist, von dem aus wir alle unsere Ansprüche artikulieren, kurz, im Brustton, im Originalton sprechen. Lacan, J., La chose freudienne, Lacan-Archiv Bregenz (1994) S. 15

[11] Leibovic, N.K., The Science of Vision, Springer (1990) S. 153-171 wo der Autor schreibt, dass es für einen „guten Blick", mit dem wir z. B. eine Photographie erfassen ca. zehn 200msec-Aufmerksamkeitseinheiten nötig sind.

[12] Lacan, J., L'identification,  Mitschrift des Seminaire  Nr. IX vom  15.11.61, B.R.L.F., Strasbourg S. 17

[13] Lacan, J., Ecrits, ed. seuil (1966) S,623

[14] In einem weiteren Gespräch konnten wir noch klären, dass dieses frühere Erlebnis und auch die reine kathartische Erfahrung etwas mit dem „mütterlichen Primärobjekt" zu tun haben, also verschüttete (verdrängte, abgespaltene) frühe positiv-libidinöse Erfahrungen sind (ein STRAHLT) und es deshalb wichtig ist, sie mit dem analytischen SPRICHT zu verbinden.

[15] Langs, R., Modalitäten  des „Heilens": in der Psychoanalyse, Forum der Psychoanalyse, Bd 12, Nr. 3 (1996) S. 204-225

[16] Weiß, H., Der Andere in der Übertragung, fromman-holzboog, (1985) S. 162

[17] Codignola hat in einer Arbeit (Das Wahre und das Falsche, Fischer (1986)S. 86) herausgestellt, dass bezüglich der logischen Struktur der Deutung „in der Psychoanalyse das Wahre das ist, was man nicht deutet, und das Falsche das, was gedeutet wird", also eine Art Paradoxon wie unser FORMEL-WORT.

[18] Roudinesco, E., Jaques Lacan, Kiepenheuer und Witsch (1996) S. 528-566

[19] Siehe auch Lacan, J., L'Angoisse, Seminaire Nr. X vom 23.1.63, wo Lacan hinweist auf die total enteignende Wirkung der rein dualen Spiegelrelation.

[20] Lacan, J., Freuds technische Schriften, Seminar Nr. I, Walter  (1980) S. 310

[21] Die drei Bedeutungen sind als „Zeichen von Jemand" verantwortbar, denn insofern sie drei ganz verschiedene Bedeutungen haben, damit keinen eingegrenzten Sinn, keinen schon vorweg vereinnahmenden Sinn, sind sie das „Zeichen von Niemand", d. h.  dem idealsten Jemand, den es geben kann.

 

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