In Schopenhauers Buch 'Die Welt als Wille und Vorstellung' zeigt der Philosoph, dass Kants 'Ding an sich" nichts anderes ist als der menschliche Wille. Zurecht bemerkt er, dass das 'Ding an sich' kein Ding mehr ist, kein Objekt, keine Sache, nichts Festes und damit allgemein Standhaftes und Gültiges. Vielmehr hat es damit zu tun, dass Kant sein eigenes subjektbezogenes philosophisches Sprechen nicht anderes erfassen konnte. Er musste es Ding nennen, um ihm eben einen objektbezogenen Charakter zu geben, aber er musste auch von einem 'an sich/' sprechen, was eine Art von Hilflosigkeit bedeutet, von Transzendenz, von dem Bemühen, sich selbst aus dem Spiel zu lassen. 'Die Freiheit an sich', das 'Gute an sich', man will sich mit solchen Bemerkungen von Vorurteilen und Missverständnissen frei halten, aber es kommt nicht wirklich Konkretes dabei heraus. Zurecht hat also Schopenhauer erklärt, dass das 'Ding an sich' etwas Subjektbezogenes ist, nämlich der subjektbezogene Wille.
S. Freud hat dieser Feststellung allerdings eine weitere Nuance bzw. Uminterpretation hinzugefügt. Er sagt, dass es sich dabei nicht um den Willen handelt, sondern um das Wollen. Der Wille ist etwas zu Bewusstes, zu sehr mit dem eigenen Ego Verbundenes. Dagegen ist das Wollen mehr etwas Unbewusstes, ein Etwas, ein ES, das in uns will. Freud nennt es daher auch einen Trieb, eine psychophysische Strebung, die wir mit unserem Ich nicht so leicht kontrollieren können. Obwohl Freud also vom Trieb spricht, erinnert das Ganze auch sehr an den Spruch in der Bibel, wonach der Geist weht wohin er will und die Sache also damit wieder verschoben wäre in den Bereich eines 'Ding an sich Willens', nämlich eines göttlichen Wollens. Damit ist das Ganze aber wirklich nur verschoben und für die heutige wissenschaftliche Zeit nicht besser geklärt. Mit diesem göttlichen Geist kann man natürlich alles erklären, aber noch weniger beweisen, als es Kant schon getan hat. Das gleiche Problem gibt es mit dem von Schopenhauer verwendeten Wort Vorstellung.
Auch diese ist etwas viel zu Bewusstes. Wenn wir uns an das Freudsche Unbewusste halten wollen, müssen wir auch hier erkennen, dass die eigentliche Vorstellung, um die es hier neben dem Willen - bzw. ja jetzt besser dem Wollen - gehen soll, nicht eine Vorstellung durch Imagination, durch Einbildungs- oder Vorstellungskraft ist. Es handelt sich vielmehr um eine primäre Wahrnehmung, um eine Erscheinung, um etwas, das sich zeigt, vorne hin stellt, ausstrahlt. Ich schlage daher für das Weitere ein anderes Vorgehen vor.
Ich stütze mich auf den Freud-Schüler Lacan. Bei ihm beginnt das Leben, vor allem das mit einer entsprechenden Psyche ausgestattete menschliche Sein, mit zwei Grundfunktionen: der der 'Ähnlichkeit', die er auch eine erste dialektische Kategorie nennt ( Seminar II, Walter, 1980, S. 180), und der der 'freien Assoziation' wie sie in der Psychoanalyse als etwas ebenso Grundlegendes verwendet wird. Bleiben wir zuerst einmal bei der Ähnlichkeit'. Sie ist an die Wahrnehmungsfunktion gebunden, d. h. vereinfacht, die ursprünglichste, primäre Wahrnehmung ist nichts anderes als ein Spiel, ein Vergleichsprobieren mit Ähnlichkeiten. Wir sind also wieder bei den Erscheinungen, bei dem etwas, das sich zeigt, ausstrahlt und nicht absichtlich und bewusst vorgestellt wird. Psychologisch und angewandt auf den Menschen heißt dies, dass die erste Identität des Menschen eine mit einem Objekt (Lacan spricht auch von einem wesentlichen Zug eines Objekts, z. B. der Mutter) ist, mit dem man sich eben irgendwie identisch fühlt oder weiß oder glaubt. Hat man sich dann in die symbolische Welt der Sprache mehr und mehr hineingefunden - was beim Menschen ja von Anfang an der Fall ist - taucht beim freien Assoziieren nunmehr sofort dieser wesentliche Zug des Objekts wieder auf, ja strukturiert wahrscheinlich und wesentlich all seine Äußerungen. Der Psychoanalytiker kann sie dann deuten, am Ende steht das 'Ding an sich' nunmehr als das - wie viele Analytiker sagen - 'konstante Objekt' oder - wie man verbessern könnte - als 'ideales Objekt' da.
Doch wir sind damit noch nicht am Ziel. So einfach ist es nicht. Ein 'ideales Objekt' gibt es in der Psychoanalyse eigentlich nicht. Kehren wir also nochmals zur Ähnlichkeit und zur primären Wahrnehmung zurück. Wenn die ersten Identifikationsmodi aus Ähnlichkeitsbeziehungen in der Wahrnehmung stammen, befinden wir uns tatsächlich in dem gleichen Teufelskreis, in dem Kant und Schopenhauer und z. T. auch noch Freud sich befunden haben. Wir taumeln von einer Identität in die nächste. Mal sind wir Mann, mal Steuerzahler, mal Angestellter, mal Autofahrer usw. Um das alles in einen einigermaßen geordneten Zusammenhang zu bringen, bedarf es ebenso tatsächlich der 'Assoziation', die - ob frei geäußert oder nicht - zu einer Konstanz, zu einem das Symbolische, die Sprechordnung nutzenden Halt gelangen muss. Dieser Halt kann dann ein Staatswesen sein, eine allgemein verbindliche politische Ordnung oder etwas in dieser Art. Nur trotzdem, all das ist noch nicht ideal, kein 'ideales Objekt'. Um dahin zu gelangen müssen wir die Ähnlichkeit und die Assoziation in einem neuen und weiterführenden Verfahren bündeln. Denn selbst die klassische Psychoanalyse reicht hier nicht aus.
J. Lacan schrieb einmal, dass der Name die Zeit des Objekts sei. Er orientierte sich hierbei an dem Philosophen G. W. Hegel, der schon vor mehr als hundert Jahren behauptet hatte, dass das Wort ein Mord an der Sache ist. Wenn man einmal in das Ursprungsland der Menschheit fährt, etwa in die Savanne von Tansania, kann man diese Bemerkungen allesamt ganz gut nachvollziehen. Dort sollen von ca. 1,8 Millionen Jahren die Früh-Menschen erstmals das Feuer gezähmt haben. R. Wrangham stellte die These auf (Catching fire: How Cooking made us Human.), dass durch den Umgang mit Feuer die Vor- oder Frühmenschen erstmals auf dem Boden der Savanne schlafen konnten (das Feuer hielt die wilden Tiere ab) und auch durch Kochen der Nahrung sich besser ernähren konnten. Beides war lebensnotwendig, wenn man nicht ewig im Urwald verbleiben und auf den Bäumen schlafen wollte.
Dazu kam, dass man mit der Zähmung des Feuers auch ein Verständnis für den Umgang mit dem inneren Feuer, den seelischen Affekten, bekam. S. Freud näherte sich diesem Thema über das Brennen in der Harnröhre beim Urinieren, mit dem man auch Feuer löschen konnte, und zwar das innere wie das äußere zugleich. Innen und Außen fanden sich also durch die verschiedensten Funktionen verschränkt und verknüpft vor. Erst derartige Zusammenhänge und ihr Verständnis haben veranlasst, dass man Worte benutzte. Vorher gab es mehr oder weniger nur die Dinge allein. Man war selbst Ding unter Dingen. Die Vor-Menschen, also noch - wenn auch hochentwickelte - Tiere, sogen den Duft des Grases in sich ein, atmeten mit den Blättern der Bäume und stießen sich Rufe zu, die aus dem Lärm des Urwaldes stammten. Bei ihnen waren die Dinge noch Sache, und es gab keine Zeit. Als sie als Früh-Menschen zu sprechen begannen, sogen sie den Duft des Grases nicht mehr ein, atmeten nicht mehr mit den Blättern der Bäume und stießen sich erste Worte zu, mit denen die Dinge nun mehr und mehr zu symbolischen Objekten wurden und in ihrem Sachbezug sozusagen abstarben.
Sprachwissenschaftler sind sich heute einig, dass es nicht genügte, Worte (oder besser anfänglich: Lautkombinationen) für die Dinge zu benutzen, indem man evtl. darauf zeigte und dann eine Bezeichnung dafür hervorstieß. So etwas mag es auch gegeben haben, aber essentiell sind in der Sprachentwicklung des Menschen eher Identitätsworte oder Losungsworte gewesen. Man war beispielsweise ein Bewältiger des feurigen Brennens geworden, ein Brenner und ein Löscher, ein „Brunzler",[1] ein „Brennzler".[2] Man war nicht mehr nur ein Tiermensch sondern ein Gottmensch wie Prometheus, der den Göttern das Feuer raubte. Man war „Agni" (ein Gottmensch aus der indischen Mythologie) geworden oder irgend so jemand, und darin erkannte man sich wieder, wenn man jemanden mit diesem Losungswort anrief und dieser es verstand. „Brunzler", „Brennzler", du und ich, da konnte man sicher sein.
Denn man muss sich vorstellen, dass es für die ersten Menschen sehr schwer war, sich von den zahlreichen Früh- und Vor-Menschen zu unterscheiden, mit denen man doch noch eben gerade alles gemeinsam hatte. Aber mit dem hier nur als Beispiel vorgetragenen feuerverbundenen Losungswort konnte man sich abgrenzen. Es genügte nicht, dass man nur stumm und mechanisch eine Feuerstelle am Leben erhielt und bewachte so wie auch heute noch viele Tiere Nahrungsvorräte sammeln und an einem Ort bewahren und bewachen. Es muss ein Identitätswort mit im Spiel gewesen sein, sonst wären die Australopithazeen oder wie man die Vor-Menschen auch immer heißen mag, nicht Homines geworden. Zug um Zug, handelnd / sprechend, namensgebend / erkennend, erlebend / denkend, müssen die ersten Generationen von Menschen entstanden sein. Die ersten Worte bzw. Namen waren nicht aus zufälligen Lautkombinationen erwachsen, sondern aus einem gemeinsamen Kampf, Erleben, Bewältigen mit gleichzeitigem inneren Erfahren, das man sich dabei enthüllte, verbunden gewesen. Feuer zu zähmen war nicht eine besonders mutige und heroische Tat (das vielleicht nur zum kleinen Teil), sondern eine gemeinsame Enthüllung einer inneren / äußeren Erfahrung, eines inneren / äußeren Geschehens, in einem gemeinsamen Akt, der alles in allem eher ein Geburt glich, als nur einer Tat.
Nicht umsonst hat S. Freud seine Theorie eine Sexualtheorie genannt, weil in all diesen Vorgängen etwas Erotisches mitschwingt, auch wenn es mit dem, was wir unter erwachsener und mehr männlich betonter Sexualität verstehen, gar nichts zu tun hat. Aber Zeugung und Geburt, sehr intimes, inbrünstig Erfahrenes oder Getanes, „Brennzeln" und Ähnliches lassen sich nicht als nüchtern Objektives verstehen, sind aber auch nicht subjektive Einbildungen. Bis man einen gültigen und sich bei allen Individuen eingebürgerten Namen z. B. für eben dieses Brennen-Machen, für diesen „Brunzler" hatte, war es wie eine Schwangerschaft und Geburt mit der schließlich ein solcher Name in einem selbst gewachsen und dann herausgepresst, hervorgedrückt und befreiend enthüllt werden konnte. Man hat nicht einfach Dinge bezeichnet, man hat Namen geboren. Denn mit jedem Ding außen war auch ein Ding innen gemeint.
Dieser Doppelaspekt kommt in den heutigen Wissenschaften völlig zu kurz. In der Physik sind die „Brennzel"-Aspekte (ich benutze weiter dieses Beispiel) völlig nach außen in immer gewaltigere Maschinen verbannt worden, um nur ja zu beweisen, dass der Physiker um der totalen Objektivität willen sich hier selbst ganz aus dem Spiel lässt. Aber je grotesker die Maschinen werden, um zu bestätigen, dass so etwas wie das Higgsteilchen existiert (ein virtuelles Teilchen im LHC erzeugt), desto mehr wird auch klar, dass die Heisenbergsche Unschärferelation immer noch genug Subjektives mit in die Untersuchungen hereinbringt. Die Maschinen des Untersuchers selbst unterliegen den gleichen Quantenprozessen wie das untersuchte Material und es wird immer schwieriger „objektive" Physik zu praktizieren. Die Schwangerschaft und der Geburtsakt des Physikers wird immer komplexer und komplizierter. Sie wollen einen Namen gebären für das, was sie die allgemeine Weltformel nennen. Für die große Gemeinschaft der Menschen wird dieser Name allerdings nicht taugen. Wenn es auch nicht so kommen wird, dass die Physiker sich ins Irrenhaus zurückziehen werden wie in Dürrenmatts gleichnamigem Stück, so werden sie doch nur noch unter sich diesen Namen verwenden können.
Bei den Geisteswissenschaften ist die Lage auch nicht besser. Der Name „Gott", den einst die Menschen wirklich unter starken Wehen und Schmerzen auf die Welt gebracht haben und der lange segensreich gewirkt hat, ist heute ebenso verbraucht oder abstrus geworden. Entweder man muss ihn vollkommen umdeuten oder einen anderen dafür einsetzen. Hier sehe ich eine Chance für die Psychoanalyse, in der der Patient oft stellvertretend für seine Sippe den wahren Namen seines Begehrens, seiner in Unbewusste verdrängten Sehnsüchte in hunderten von Fühl-, Denk-, Angst- und Erkenntnisstunden gebären muss. Doch wie so oft in der Geschichte der Menschheit, bekommt er dieses Kind der Analyse, dieses Namens-Kind zwar selbst mit nach Hause, aber es wird nicht offiziell und öffentlich anerkannt. Die Vaterschaft und damit den eigentlichen und bestätigenden Namen beraten die Analytiker auf ihren Kongressen und lassen ihn dann in den nur für sie selbst gültigen Fachzeitschriftenzirkulieren. Daran war Freud selbst ein bisschen mit schuld, denn er zimmerte sich zusätzlich zu seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen noch eine Fachgesellschaft zurecht, die heute wie eine politische Organisation über Recht und Unrecht wacht.
Aber wenn wir außerhalb / innerhalb von Natur- und Geisteswissenschaften (denn etliches von beiden muss in den Gebärvorgang einbezogen werden) die Geburtenrate wieder erhöhen und auch die Gebärenden in ihren Rechten voll belassen wollen, müssen wir von der Psychoanalyse ausgehend die Wissenschaft in einer Weise neu formen, die allen zugänglich und doch auch wirkliche Namensgeburt, Namenshervorbringung, ja reine „Benamung" ist.[3]
Das Verfahren, mit dem ich die Geburt des Namens allgemein voranbringen möchte, habe ich Analytische Psychokatharsis genannt, wohlwissend, dass dies ebenfalls wieder einen zu voreiligen Hebammengriff darstellt. Denn in der Geburt des Namens benötigt man evtl. nur während der Geburt selbst die Dienste eine Hebamme. Schon Sokrates hatte genau in diesem Sinne seine Methode der Namensgeburt „Maieutik" genannt (Hebammenkunst). Er pflegte scheinbar müßig auf der antiken Agora in Athen herumzulaufen und die verschiedensten Leute in ein befruchtendes Gespräch zu verwickeln. In dem Hin- und Her der Argumente, mythischer Logik und Dialektik kam es allerdings oft dazu, dass die eigentliche Geburt nicht gelang. So im Parmenides z. B., wo es um das „Eine" des Seins geht. Trotzdem haben die vom ihn inaugurierten Namen, d. h. die mit seiner „Maieutik" zu Tage geförderte Philo- (Liebe) Sophie (Weisheit) mehr als zwei Jahrtausende überlebt. Doch jetzt ist es eben Zeit für neue Geburtstechniken. Die Analytische Psychokatharsis ist eine sanfte natürliche Methode und doch von der präzisen und sicheren Art eines Kaiserschnitts.
Man braucht sich nur hinzusetzen und eine Formulierung anzuwenden, die nach genauen, wissenschaftlichen Erfordernissen aufgebaut ist (darin liegt der Kaiserschnitt), dann aber doch wie seit eh und je mit einem meditationsähnlichen Verfahren Als ein Stück eigenen Lebens zur Welt gebracht wird. Das kann freilich einige Zeit dauern wie es eben jede Geburt verlangt. Ich stütze mich bezüglich dieser Formulierung, die einem psycho-physischen Knoten gleicht, auf die Sprach-, Zeichen-, sowie die geometrische und psychoanalytische Wissenschaft. Eine derartige Knotenformulierung besteht z. B. in dem Ausdruck ENS - CIS - NOM, worüber ich in der gleichlautenden Webseite (forum-ens-cis-nom.com) ausführlich berichtet habe und daher jetzt auf diese Darstellung verweise.
[1] Dieser Ausdruck für urinieren entstammt einem österreichischen Dialekt und enthält wohl im Wortstamm das Brennen wie auch den Brunnen, vielleicht auch das Bruzeln und das Adverb brenzlig, das eben ideal die Mischung der in diesem Namen ausgesagten Dinge vereint.
[2] Wenn ich dieses Kunstwort im gleichen Sinne hier verwenden darf.
[3] Ich wähle diesen Ausdruck, weil darin nicht nur im Wort „Namung" die Benennung ursprünglicher, geburtsähnlicher ausgedrückt ist, sondern auch die Zeugung, die Besamung, mit anklingt (so wurde es mir jedenfalls von vielen Lesern bestätigt, wodurch ich die in der Psychoanalyse übliche Anwendung der „freien Assoziation" ebenfalls zur Geltung bringen kann.
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Meditation und Gehirn
In seinem Buch mit dem obigen Titel hat H. Hilbrecht versucht, Meditation möglichst wissenschaftsnah zu beschreiben. Seine eigene Erfahrung ist zwar ganz stark von buddhistischer Meditationstechnik her bestimmt und getragen, dennoch bemüht er sich auch um eine Abstützung an neuesten Forschungen der Neurowissenschaftler. Er beschreibt wie durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt ist, welche und wie verschiedene Gehirnareale durch Meditation beeinflusst werden. So stellt er beispielsweise den präfrontalen Cortex (Stirnhirnbereich) und hier insbesondere den orbitofrontalen Bereich (nahe der Augennervkreuzung im Gehirn) als wesentlich zentral für die Konzentration in der Meditation heraus. Es ist auch beruhigend zu lesen, wenn er schreibt, dass belastende Erfahrungen in der Meditation wie Halluzinationen und Verwirrungen eben nur Folge vorübergehender und einseitiger Gehirnerregungen sind, die schon bald durch reifere Meditationserfolge beseitigt werden können.
Im Gesamt seiner Darstellungen erklärt er zwei Phänomene als wesentlich, wie sie auch im Zentrum meines Verfahrens der Analytischen Psychokatharsis stehen: einerseits eine kathartische Erfahrung, die mit einem Durchströmen des Körpers und visuellen Mustern einhergehen, andererseits eine tiefe innere Stimme, die kurz gefasst und wie aus der Ferne des eigenen Inneren herkommt. Ich habe in der Analytischen Psychokatharsis diese beiden Phänomene als ein („Es) Strahlt" und ein („Es) Spricht" bezeichnet. Was das erstere angeht spricht er von einen unglaublichen Klarheit und „Leere" des Bewusstseins, zu der er Buddhas Ausspruch „Leere ist Form und Form ist Leere" zitiert. Das heißt, das „Strahlt" ist zwar ein „ultrasubjektives Ausstrahlen" (ein Begriff J. Lacans für dieses Phänomen), Ausdehnen, das aber keine feste Form annimmt und so sich in sich selbst formt.
Was das zweite angeht, das „Spricht", so unterscheidet Hilbrecht erst einmal zwei verschiedene Formen des Denkens: das sprachliche Denken, über das wir meistens verfügen, weil wir alles was wir denken und planen selbst uns selbst gegenüber in eine verbale Form fassen. Und sodann das intuitive, unbewusste Denken. Schon S. Freud hatte davon gesprochen, dass es im Unbewussten ein eben unbewusstes Denken geben müsse. Dies war nicht als ein rein bildliches Denken zu verstehen gewesen. Es ging bei Freud eher um ein verborgenes, entstelltes, dem Bewusstsein nicht so einfach direkt zugängliches „Denken", das eigentlich nur einen ganz knappen Gedanken enthielt. Es ging also mehr um ein verborgenes Motiv, um ein Symbol oder zumindest ein symbolisch und das heißt ja wieder sprachartig verfasstes Zeichen (Lacan spricht hier dann von Signifikanten). Ich habe in meinen Veröffentlichungen etliche Beispiele für das Auftauchen solcher knapper „innerer Sätze (auch ein Begriff Lacans) in der Analytischen Psychokatharsis gebracht.
Hilbrechts Buch hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile der wissenschaftlichen Abstützung und der einfachen Erklärungen habe ich also erwähnt. Nachteilig ist, dass er zur Erklärung der Praxis wissenschaftlich nicht belegte buddhistische Techniken anführt und auch in seiner gesamten Konzeption sehr stark dem asiatisch gefärbten Hintergrund und allgemein mehr mythischen Einteilungen (etwa der Meditationsstadien) verbunden bleibt. Er hat sozusagen auf der einen Seite den festen Boden der Gehirnwissenschaft, benutzt aber auf der anderen rein mythisch-buddhistische Vorstellungen. Was ihm fehlt ist ganz einfach ein Stück Psychoanalyse. Die auf einer Psychosemiotik oder Konjekturalwissenschaft aufbauende Psychoanalyse stützt sich weder auf die Naturwissenschaft, noch auf die Geisteswissenschaften oder die ja als mythisch oder magisch zu bezeichnende antike Wissenschaft (etwa die der alten Griechen), die nichts mit modernen Wissenschaft zu tun hat.
Die Psychoanalyse beruht auf einem intersubjektiven Verfahren. Sie geht davon aus, dass es Kräfte, Triebe gibt, die zwischen den Subjekten wirken und durch eine offene, bis ins Irrationale hineingehende Kommunikation enthüllbar und ausdrückbar sind. Ganz wichtig waren hierbei Erkenntnisse der Linguistik (Semiotik, Semantik), wie sie z. B. von J. Lacan ausgearbeitet wurden. Ein derartiges und aus der herkömmlichen Psychoanalyse weiter entwickeltes Konzeptliegt der Analytischen Psychokatharsis zugrunde. Denn natürlich kann man aus der klassischen, herkömmlichen Psychoanalyse keine Meditationsverfahren entwickeln. Wohl aber aus einer von ihr abgewandelten und in gewisser Weise sogar „anders herum" gestalteten Form.Denn derartige Formulierungen wie die des „Strahlt" und des „Spricht" eignen sich viel besser als Grundlage, als grundlegende Namen, Signifikanten für den Meditationsvorgang als etwa Begriffe aus der Naturwissenschaft oder gar aus spirituell-spiritistischen Verfahren.
Gerade weil das paar „Strahlt" / „Spricht" Bezeichnungen in der 3. Person Singular sind ohne dass ein dazugehöriges Subjekt feststeht, sind es eigene, in sich selbst gefasste Wesenheiten, die wie gesagt dem Triebbegriff der Psychoanalyse entsprechen. Letztlich könnte man zum „Strahlt" auch Schau-, Wahrnehmungs- oder Erscheinungstrieb sagen und zum „Spricht" Sprech- oder Entäußerungstrieb. Doch das Wort Trieb ist leicht missverständlich. Freud selbst schwankte damit zwischen biologischen und literarischen Wesenheiten hin und her. Triebe waren für ihn konstante biologische Kräfte, dann aber auch wieder „mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit". Lacan stellte sie den Signifikanten nahe, sozusagen Ausdrucks- oder Bestimmungskräften, oder einfach direkt „Bedeutern", „Bestimmern". Auch der ausschließlich linguistische Bezug ist von der Sprachwissenschaft her nicht zu bekommen und auch Semiotik und Semantik können nur weitere Annäherungen liefern. Dennoch sind die Triebe in der Psychoanalyse Prinzipien primärster Natur. Allerdings gibt es ein kleines Problem mit den Bezeichnungen Eros-Lebens-Trieb und Todestrieb als den zwei Grundkräften, -trieben, -prinzipien.
Besser ist es eben vom Erscheinen, Wahrnehmen, „Strahlen" als solchem auszugehen und diesen das Sich-Entäußern, Verlauten, „Sprechen" gegenüber zu stellen. Der Todestrieb ist ein gewisser Widerspruch in sich selbst. Dennoch muss man ihn nicht gänzlich verleugnen. Im „Spricht" steckt ein bisschen von ihm, denn schon Hegel sagte, dass das „Wort der Mord der Sache" wäre. Im Sprechen „entdinglichen wir uns, wir bleiben dem sprachlichen Denken nahe und nicht dem von Hilbrecht erwähnten „intuitiven Denken". Nun ist das intuitive Denken an sich kein Garant für die Wahrheit oder gar für die Wissenschaftlichkeit. Dazu braucht es dann eine wissenschaftlich begründete Meditation d. d. sie muss selber auf der Wahrheit als Ursache gründen. Dann spielt das Gehirn nur eine Nebenrolle.
Es ist gut zu wissen, dass sich bei der Meditation die orbitofrontale Region besonders anstrengen muss, aber dass man durch Halluzinationen und andere belastende Erfahrungen hindurch muss, ist nicht notwendig. Man muss auch nicht erst sechs oder sieben Stufen oder Phasen durchlaufen. Man kann sofort mit der einen entscheidenden Stufe oder Phase beginnen, nämlich der Konzentration auf das „Strahlt / Spricht" mit Hilfe von Formulierungen, die dem Unbewussten selbst entnommen sind (diese sogenannten Formel-Worte habe ich an vielen Stellen erklärt). Freilich muss man das Vorgehen bei der Analytischen Psychokatharsis erst intellektuell verstanden haben. Doch dadurch hat man auch den Vorteil im intellektuellen Zusammenhang zu allen Wissenschaften verbleiben zu können. Man muss sich nicht buddhistischen Orientierungspunkten an Händen und Füßen, wie sie Hilbrecht beispielsweise empfiehlt, emporarbeiten. Man bleibt immer im gleichen Vorgehen, das den Verstand und auch das sprachliche Denken nie völlig ausschaltet, auch wenn es zeitweise sehr stark reduziert wird.
Der ärztliche Bereitschaftsdienst in der Nacht hat etwas Besonderes an sich. Der Notdienst, den ich fahre, wird mit dem Taxi durchgeführt, und schon mit dem Taxifahrer allein entsteht in diesen nächtlichen Stunden so eine kleine Verschworenheit darüber, ob die Adresse stimmt, wie man im Dunklen den Hauseingang finden wird, ob der Kranke auch wirklich die Türe wird öffnen können usw. Ja, oft hat man das Gefühl, dass medizinische Nächstenliebe und Tod, Eros und Thanatos hier nahe zusammen rücken. Man sieht die Dinge schärfer, zugespitzter. Der Patient, der besorgt, zu so später Zeit auf den Arzt wartet und der Arzt, der mit seinem Fahrer in den dunklen Straßenschluchten nach der Adresse sucht, zu der er gerufen ist, sind wie durch einen geheimen Pakt verbunden. Es ist der Pakt der einsamen nächtlichen Tiefe, der Pakt eines verschworenen Treffens, einer von der übrigen im sanften Schlummer liegenden Welt getrennten, isolierten, Begegnung. Ein Telephonanruf, der an den Funk im Taxi weitergeleitet worden ist, ein Rückruf, wenn die Adresse, der Name an der Klingel nicht stimmt, wieder eine Bestätigung durch den Funk - wie durch Geisterhand ausgetauschte Botschaften also, wie durch Detektivarbeit gefundenen Hintereingänge und endlich: der wie in einem Niemandsland stattfindende direkte Kontakt: „Sind Sie der Notarzt"? „Ja, was fehlt? Um was geht es? Sind Sie der Kranke?"
Nein, er ist nicht nur der Kranke. Meist wird sehr schnell sichtbar, dass das Zimmer oft voll von Utensilien ist, die auch etwas über den seelischen Zustand des Patienten verraten. Oft steht ein Angehöriger mit im Zimmer und wirkt hilflos und verzagt, weiß auch nichts zu sagen oder verbirgt, dass er über Beziehungsprobleme mit dem Kranken stark verbunden ist. Die Anweisungen für die nächtlichen Besuche im ärztlichen Notdienst kommen per Funk, A, 3 heißt z. B. dringend jemand mit Bauchbeschwerden. Bei meinem letzten Besuch ging die Fahrt an alten modrigen Häusern vorbei, es regnete und schließlich tauchte eines mit einer schäbigen Fassade im Dunklen auf, aber es stehen schöne großblättrige Platanenbäume in dem schlicht gepflasterten Innenhof, die Eingangstüre offen, eine knarrige Holztreppe in den 3. Stock. Ein Mann macht auf, ich sage: „Notarzt". Zurück ein Ja, eine Handbewegung: „Sie liegt da hinten." Als sei „sie" etwas Unwichtiges, als sei „sie" dahinten hin weggeworfen worden. Wer, sie? Dahinten!? Hinter ihm zurückgeblieben, weg?
Auf einer Matratze am Boden in eine lumpige Decke gehüllt liegt eine Frau, etwas bleich, verwuschelt, vielleicht etwas fiebrig. Ich frage, wo es weh tut und wie und seit wann und ob schon was eingenommen wurde, und sehe „sie" mir an. Sie zieht das Hemd hoch, ich drücke auf den Bauch, erst vorsichtig, ganz behutsam, viel junge Haut über die ich streiche, aber ich tue es wie ein Bildhauer, der mit seiner Hand über die Wölbungen seiner Skulpturen fährt. Wenn der Alabaster noch weich ist, drückt er etwas hinein, stärker, fester, um ihn zu formen. Ja, es könnte eine Blinddarmreizung sein, sage ich, nachdem ich die Bildhauerhand wieder zurückgezogen habe. Aber der Schmerz ist nicht überstark, und es gibt auch keine Abwehrspannung, also keine durch bereits sich entwickelnde Entzündung verursachte Verhärtung. Man kann bis morgen warten, beruhige ich die Frau zu dem etwas unruhig flackernden Glühlampenlicht in der Kammer. Auch jetzt stützt der Regen durch sein monotones Klopfen an den Fenstern meine Beschwichtigungen. Dop, dop, dop, dumpf, dösig, dämpfend. Ich verordne etwas, schreibe ein paar Papiere, stehe auf und verabreiche zum Abschied das empathische Lächeln, das wohlwollende, das von Bauch zu Bauch kommt - in diesem Fall: sozusagen wortwörtlich. Der Regen tut wirklich gut. Er schadet nicht.
Ja, man muss etwas geben, man muss jedem Menschen etwas geben, sei´s auch nur eine Kleinigkeit. Wenn ich schon keine sichere Diagnose stellen kann, und das ist ja sehr oft der Fall, weil man nur für einen kurzen Besuch Zeit hat, dann ist wenigstens eine kleine zusätzliche Bemerkung zum Traurigen der Krankheit, zum Unbesonderen des Alltags oder zum Beispiel zu dem „die da hinten" fällig. „Das sagt er immer", hat sie erwidert. Er, der „er da". Na, „er ist halt nicht wie eine Mutter", sage ich und habe so noch schnell eine psychoanalytische Deutung verpasst. Aber auch die Mütter sind nicht mehr so wie früher - was ich allerdings nur denke und nicht dazu sage. Vielmehr verabschiede ich mich mit eben diesem Lächeln und schreibe ein Rezept aus. Aber das Medikament, das ich verschreibe, hat nichts mit dem wirklichen Geben zu tun, von dem ich gerade sprach. Es ist nur ein äußeres Korrelat.
Viel lieber wäre es mir, ich hätte die gesamte Situation verbessern können, die trübe Stimmung, das Mysterium der Krankheit. Doch das sind meine überhöhten und unrealistischen Ansprüche. Größenphantasien. So springe ich also wieder hastend die Treppe hinunter, schicke dem ganzen noch einige Gedanken hinterher. . . Wenn es jetzt doch der Blinddarm ist . . ? Wir haben noch einige Fälle offen. . . Habe ich jetzt nicht zu lange gebraucht, rumgeredet, gedacht, ich könnte das Befinden der Kranken aufhellen? Habe ich gedacht, der Arzt ist eine Respektperson und dass das Wirkung macht? Eitelkeiten also, statt absoluter Sachlichkeit?
Wie gut, dass der Regen meine Gedanken etwas verwischt. Eine Blinddarmentzündung kann sich schnell entwickeln, aber hier bin ich mir sicher, dass wenigstens die nächsten zwölf Stunden nichts passieren wird. Falls es morgen nicht besser ist, so habe ich noch zur Patientin ergänzend gesagt, sollte sie in die Ambulanz einer Klinik gehen und sich dort die Leukozyten (weiße Blutzellen) bestimmen lassen. Diese zeigen an, ob eine schlimmere Entzündung vorliegt. Leider muss man sich nach allen Seiten hin absichern. Unglücklicherweise muss man nicht nur an den Kranken und sein Leid denken, sondern auch an die Justiz. Ich habe ein absolut sicheres Gefühl, dass die Patientin im Moment keine Blinddarmentzündung hat. Ja, ich bin mir sogar sicher, dass sie an etwas Psychosomatischem leidet. Die Beziehung zu ihrem Mann oder Freund schien ja am Tiefpunkt zu sein. Die ganze Wohnung strahlte so etwas Tristes, Achtloses, leicht Chaotisches aus. Die Kleidung freudlos, das Licht fahl. Aber wenn es der Fall X ist, der Fall unter hunderttausend, der dann doch morgen eine akute Appendizitis zeigt, wird es heißen: warum hat der Notarzt Sie nicht eingewiesen, warum hat er nichts unternommen? Die Juristen fahren im Notdienst immer mit, schade.
Doch langsam wird sichtbar werden, warum ich Eros und Thanatos, S. Freuds Primärtriebe, Grundprinzipien, auch zur Basis meiner Erfahrungen mache. Psychosomatik ist eben ohne den Bezug zum Tod, zum Sterben des Körpers, nicht denkbar. Aber der Körper als solcher wiederum, als strukturelles Ganzes, als Zeichen eines Subjekts, das ist Leben, Eros. In Änderung zu Freud gehe ich davon aus, dass Eros-Leben und Thanatos-Tod nur unbewusste Spiegelungen sind. Sie spiegeln sich gegenseitig, und die „Seele", das eigentlich Unbewusste, ist etwas anderes. Es ist etwas, das „Spricht", das in uns „Verlautet", das „Tönt", das eine Syntax und eine Grammatik hat. ...das Metaphern produziert und das alle diese Spiegelungen metaphorisiert und vernehmen lässt. Aber sehen wir weiter.
Ein weiterer Besuch galt noch einer jungen Frau, die von schrecklichen Kopfschmerzen geplagt war und die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. War es eine Migräne oder eine atypische Neuralgie? In so einem Fall kann man meist nur symptomatisch behandeln, also ein Schmerzmittel geben, eine Spritze Novaminsulfon. Ihre Wohnung war so ein bisschen spirituell-esoterisch eingerichtet. Kleine Kerzen überall, Deckchen auf denen eine Schale mit Öl oder Wasser stand, Mineralien in einem Kreis geordnet, Papierblumen, Sterne, Gold und etwas Flitter. Und eine Heiligenfigur sowie Bilder und Bücher von und über die Heilige Theresa von Avila. Ach, das war sie, das wollte sie sein, meine Patientin! So eine Heilige wie die von Avila. Zart waren sie - meine reale Patientin und die Heilige Theresa auf dem Bild - filigran fast, etwas ausgezehrt von Gebets- und Meditationsübungen. Das, diese Sehnsucht nach Identität mit einer Heiligen, die Verzauberung und doch Entrückung / Erdrückung in den konvulsivischen Ekstasen bedeuteten die Kopfschmerzen meiner Patientin, und es waren die gleichen, die auch die Theresa von Avila beschrieben hat. Fürchterliche Qualen hatte jene durchzustehen gehabt, weil sie lange Zeit nicht wusste, ob ihre „Schauungen" vom Teufel oder von Gott kamen.
Bild von T. Heydecker: LOVE - SICK.
Das Bild zeigt die Ineinan-derverwobenheiten von Sehnsucht und Krankheit, Liebe und Tod, Eros und Thanatos. Aber weil es ein Kunstwerk ist, vermittelt es uns all diese Gegensätze und Widersprüche in einer ertragbaren und wieder neu lebbaren Form.
Nach einer enttäuschten Liebesbeziehung war die Heilige Theresa damals in schwere Krankheit verfallen und später von erotischen Verzückungen - ein jünglingshafter Engel stieß ihr ständig eine Lanze ins Herz und zog diese wieder zurück, um von neuen zuzustechen - und peinigenden Schmerzen hin- und hergerissen. Schließlich - so die historische Theresa - habe sie die Trinität „gesehen", hatte sie eine Vision der Dreieinigkeit, des Höchsten, der Vollendung gehabt. Und danach sehnte sich auch meine kleine Patientin, ja, sie hielt sich wohl schon selbst für so weit. Denn es lag auch ein Bericht aus einer Nervenklinik am Tisch, den sie mir dann zu lesen erlaubte. Man hatte eine „histrionische Persönlichkeitsstruktur"[1] diagnostiziert mit Neigung zu epileptischen Anfällen und Anklängen an überwertige religiöse Ideen. Was da drin steht, dürfe man alles nicht so ernst nehmen, versicherte mir die junge Frau, nein, Medikamente wolle sie keine nehmen. Aber es sei immer wieder einmal zu Anfällen gekommen, eine Freundin habe sie gefunden, wie sie ganz verkrampft war. „Aber es waren spirit . . .", sie sprach es nicht aus, dass es wohl göttliche Heimsuchungen gewesen sein sollten. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie nur eine überzarte Neurotikerin, eine schwache Kranke war, verliebt in die mittelalterliche Historie mit ihren phantastischen Himmeln und Höllen, mit ihrer reinen, wenn auch selbstquälerischen Erotik. Sie tat mir so leid. Sie war ja durchaus eine wahre Seele, eine Inbrünstige.
„Muss man sich nicht heute eine moderne Vision suchen", fragte ich sie? „Eine psychologische, analytische, psychokathartische, irgend so etwas, was es doch heute überall gibt"? Mein Gott, wie weit liegen die Dinge auseinander! Eine Spritze Novaminsulvon gegen das ganze Universum göttlicher Objekte! Man wird ihr wieder Antiepileptika geben, wenn die Anfälle häufiger werden. Man wird ihr die Theresa von Avila ausreden müssen. Für solche Menschen ist die westliche Industrie-, Handels- und Wissenschaftswelt nicht geschaffen. Aber auch eine Psychoanalyse könnte ihr möglicherweise nicht helfen. Was hätte sie davon, wenn man ihr - und so evtl. auch der historischen Heiligen - die verdrängten infantil-erotischen Impulse offen gelegt und zerpflückt hätte? Sie würde nur zur Märtyrerin, die neue Prüfungen zu bestehen hätte, neue Leiden, wenn es überhaupt noch dazu käme und sie nicht in einem Heim verschwände. Das Wort erotisch würde sie doch gar nicht verstehen. Sie sucht ja die Liebesekstasen, die romantischen Verzückungen, die himmlischen Liebkosungen. Sie tat mir leid und ich musste es dabei belassen. Sie war so einsam, aber ich konnte doch nicht der Jüngling mit der Lanze sein - obwohl ich, als ich ihr die intravenöse Spritze gab, heftigst an diesen Vorgang dachte und die martialisch-libidinöse Ähnlichkeit bemerkte (allerdings war ich für einen Jüngling zu alt). Sie seufzte auch etwas emotional betont, als ich die Spritze wieder zurückzog und ein Tropfen Blut aus der Vene trat. Eine phallische Lanze, die spirituell verbrämt ist und eine ebensolche Spritze, die naturwissenschaftlich daherkommt!
Eben, hier sieht man es ganz deutlich: Eros und Thanatos ganz nahe beieinander. Ich habe das oft erlebt, diese erregte Ruhe, dieses cool gehaltene Beben, wenn man z. B. jemanden mit einem Herzrasen eine Spritze Verapamil[2] gibt. Dass hinter dem Herzrasen, hinter der tachycarden Aufwühlung, oft eine solche unbewusster Gefühle, verdrängter erotisierter Vorstellungen oder aggressiv erregter Erinnerungen steckt, ist wahrscheinlich nicht schwer nachzuvollziehen. Und als Arzt ist man dabei eben auch nicht nur cool und sicher, sondern angespannt, lauernd, in leichter emotionaler Besorgtheit. Schließlich kann, selbst wenn der Puls durch die Injektion heruntergeht, auch der Blutdruck abfallen. Das vom Herzvorhof ausgehende Herzrasen könnte in andere Rhythmusstörungen übergehen, der Patient könnte sich schlechter fühlen oder gar kollabieren. Erregungen auf beiden Seiten also, auf der des Arztes, wie des Patienten, Anspannungen, die in die tiefsten Zonen des Körperlichen hineinreichen. Nicht gerade Lust, aber doch Beben, sinnlich Unbewusstes eben, das ganz nahe dem Hinfälligen, Ohnmächtigen, Todesähnlichem steht. Erotisches, das krank ist. Manchmal sogar todkrank.
Dazu muss ich kurz ergänzen: im Zentrum der Psychoanalyse, der Eros / Thanatos – Dynamik, steht der Begriff der Übertragung. Der Patient überträgt Bedeutungen aus früheren oder anderen Beziehungen auf den analytischen Psychotherapeuten. Diese Zusammenhänge müssen dann im Rückgriff auf ihre Geschichte und in Bezug auf den Therapeuten aufgeklärt und somit schließlich dieser Übertragungsvorgang selber - weil überholt, inadäquat, etc. - aufgelöst werden. Mit der gleichen „Hand“, mit der man die Bedeutungen dem Unbewussten entrissen hat, muss man die eigene Geschichte dann neu, in eine bewusstere Zukunft hin, schreiben. Dies gelingt natürlich im Notdienst und in einer Psychosomatik nicht so ohne weiteres. Aber der Kern der Sache, die Übertragung und ihre Auflösung, können auch hier eine zentrale Rolle spielen.
Dabei ist die Übertragung, insoweit sie positiv ist, ein bisschen auf der Seite des Eros. Schon das Eintreffen als Notarzt fördert natürlich eine gewisse positive Erregtheit des Patienten, während die Ernüchterung durch eine noch etwas in Unbestimmtheit gelassene Diagnose deren Abkühlung und Auflösung (also die Thanatosnähe) herbeiführt. Trotzdem: indem man den Patienten untersucht, wie man seinen Körper berührt, anfasst, ja fast intim „begreift“, kann seine Übertragung anfänglich erst einmal ins Positive, Anheimelnde, Innigliche steigern. Dann, wenn man ihm nunmehr mit Worten vermittelt, dass nichts Wesentliches oder Gefährliches fehlt (zu sagen, dass ihm nichts fehlt, wäre ein inzwischen jedermann bekannter Fehler), sondern dass Verspannungen, Abnutzungen, Funktions – und nicht Organstörungen vorliegen, löst man diese Übertragung wieder etwas auf. Der zuerst scheinbar mit Ethos, Eros, Elan, zuwendende Arzt wird jetzt plötzlich sachlicher Wissenschaftler und – wenn auch nicht ganz thanatosbezogener – so doch kühler, fachlicher Ernüchterer. Die anfänglich im Patienten aufsteigende positive Erwartung, Neugier, Entdeckerfreude (der Arzt und er selbst entdecken die Ursache des Leidens zusammen) wird von zunehmender Bewusstheit, Klarheit und schlichter Normalitätswahrnehmung wieder abgelöst.
Bei meinen Notdienstbesuchen bemühe ich mich um einen Ausgleich zwischen Eros und Thanatos, besser noch: um einen dritten Zugang: den zu einer Wissenschaft v o m Subjekt, deren Objekt etwas Unbewusstes ist. Etwas, nach Maßgabe dessen die Menschen fühlen, handeln, denken und krank sind. Es ist ihnen nicht bewusst, dass ihre Wohnungen und ihre Beziehungen ihre Krankheiten wiederspiegeln, dass zwischen ihrer Umwelt und Innenwelt ein reziprokes Verhältnis besteht und dass dadurch etwas „Spricht“. Gerade gestern war ich wieder in dem Haus, wo die Platanenbäume im Hof stehen, diesmal bei einem alten Ehepaar. Überall stand Geschirr und Zeug herum, Zeitungen und Bücher stapelten sich in allen Ecken, eine uralte Schreibmaschine, Photos, Nippes und beklebte Schachteln an verschiedenen Tischen. Die Frau saß im Schlafzimmer, eingerahmt von alten Kleiderhaufen, der Mann im Wohnzimmer neben einer Kommode. Erst war lange nicht klar, wer der Patient war, schließlich waren es beide. Sie hatte offene Füße, die von mehreren Lagen verkrusteter Binden umwickelt waren, er hatte gichtige Kniegelenke, die in selbstgefertigten Hülsen steckten. Bewegen konnten sie sich fast nicht mehr, jeder lebte in seiner Welt, sie konnten sich ein „Hallo“ oder „hast du die Schere“ oder „das Adressverzeichnis“ zurufen, mehr war nicht möglich und auch nicht nötig. Irgendwer kam und kochte ein Essen für zwei oder drei Tage, ein anderer konnte angerufen werden, um die Medikamente zu besorgen.
Ein Jahr später habe ich durch Zufall erfahren, dass beide fast gleichzeitig gestorben waren. Auch das war also abgestimmt, aber sicher auf weite Distanz hin, averbal telekommunikativ. Bei meinem Besuch habe ich ein bisschen aufgeräumt, veraltete Medikamente entsorgt und wieder sprang ich hastig die Treppen hinunter. Diese armen alten Leute! Kein Eros mehr, nur noch Thanatos? Nein, irgendetwas lag noch in dieser geschwürigen Atmosphäre: Es „sprach“ noch etwas, alte Erinnerungen, die in all den aufgetürmten Gegenständen und Photographien, den kleinen Töpfchen und Schachteln, Kassetten und Schubladen aufbewahrt waren. Etwas „tönte“ noch aus dem Geächz der alten Möbel, dem Giemen der kranken Lungen, dem Gestöhn der beiden Alten heraus. Etwas, das dem Thanatos seine Schwärze, dem malerischen Schmutz der Vorhänge sein Verderben und dem schwachen Nachtlicht seine Düsterkeit nahm. Und so dem Eros noch eine blasse Sinnlichkeit zurückgab. Es muss immer – so denke ich mir – noch soviel Glanz, noch so eine Art flüchtiger Helligkeit in der Situation vorhanden bleiben, dass man sich mit ihr irgendwie verbunden fühlen kann. Selbst in den hässlichsten Hinterhöfen glimmen aus den Mauerritzen noch ein paar frisch-grüne Gräser hervor, und selbst aus den verwelktesten, vergilbtesten und von Krankheiten zernagtesten Körpern leuchtet noch etwas von der Liebe zum Leben heraus.
Einmal hatte ich im Notdienst eine Frau besucht, die unter Angina pectoris Anfällen (Herzschmerzattacken) seit dem Tod des jüngeren Bruders litt. Ihre Eltern seien schrecklich gewesen, sagte sie, aber zu dem um vier Jahr jüngeren Bruder hatte sie ein inniges Verhältnis. Sie verstanden sich so gut, aber als er siebzehn und sie einundzwanzig war, brachte er sich unvermutet um. Sie hat das nie überwunden. Mit ihm konnte sie alles bereden und dann das! Unbegreiflich einfach. „Aber es muss doch einen Grund gegeben haben", fragte ich. Sie verneinte strikt. Und doch, dachte ich mir, vielleicht war es eben gerade das so innige, das zu innige Verhältnis zum Bruder, das ähnlich innig war wie das der antiken Antigone zu ihrem Bruder Polyneikes. Diese Antigone sagte doch tatsächlich, dass man den Verlust eines Ehemannes oder eines Kindes eher verkraften könne, als den eines Bruders, weil die ersteren könnten wieder ersetzt werden, letzterer nicht! Das war schon ein happiges Argument! Rein sachlich richtig, aber ethisch, psychologisch irgendwie fatal.
„Sie tragen Ihren Bruder noch in sich herum als lebenserhaltene Mumie. Sie balsamieren ihn jeden Tag ein, und das verkrampft ihr Herz! Aber er ist tot, Sie müssen ihn lassen, das ist wie Nekrophilie", wagte ich zu sagen. Denn in Wirklichkeit war es ja noch schlimmer: das Ganze hatte ja auch noch etwas Inzestuöses an sich, und das konnte man ihr nicht gleich vermitteln. Da sind Eros und Thanatos wieder zu nahe beieinander, das ist das Tragische. Darauf musste sie vielleicht eines Tages selber kommen. Und zudem - wie gesagt - sollte sie sich um herzentspannende Methoden kümmern und nicht immer in die Kardiologie rennen. Obwohl meine psychologische Deutung vielleicht ein bisschen vorschnell war, glaube ich, dass etwas Wahres dran ist. S. Kierkegaard unterscheidet bezüglich des Tragischen das Leiden vom Schmerz. „In der antiken Tragödie (z. B. der von Antigone) ist das Leid tiefer, der Schmerz geringer; in der modernen ist der Schmerz größer, das Leid kleiner", schreibt er (Kierkegaard, S., Der Reflex des Antik - Tragischen im Modern-Tra-gischen, in Philosophische Schriften, Verlag Zweitausendeins (2007) S. 121)
Ich hatte schon dreimal solche Fälle einer spastischen Angina pectoris, die also nicht auf einer organischen Verengung der Herzkranzgefäße beruht, sondern auf einer psychosomatischen Störung. Immer steckte eine Tragik dahinter, wobei eben der Schmerz im Vordergrund steht. Das Leidvolle der eigenen Komplexe, die doch auch eine Rolle bei diesem Herzkrampf spielen, wird nicht gesehen. „Der Schmerz steht im geraden, das Leid im ungeraden Verhältnis zum Gedanken der Schuld", so Kierkegaard weiter. Die obige Patientin wird ihre Schuld nicht sehen, das Trauma der Bruder-Schwester-Beziehung geht bei ihr ständig wie ein Blitz von oben bis nach unten durch: Schmerz, kein Leid. Aber nur im Leid kann man das Trauma, den Komplex bewältigen. Nur in der Sicht und Verarbeitung der tragischen Zusammenhänge könnte die Patientin ihre spastischen Herzattacken lösen. Als Notarzt, aber auch als Arzt in der Sprechstunde, ja vielleicht selbst als Psychoanalytiker tut man sich da schwer, durch Deutung diese Zusammenhänge auf zu decken. Der psychosomatische Kranke will eben nicht Neurotiker sein.
Diese beiden Kräfte, Triebe (Eros und Thanatos), greifen so ineinander, dass man sie oft gar nicht unterscheiden kann. Man braucht nur einmal griechische Straßenverkäufer gesehen zu haben, die Lose verkaufen. Sie schreien dabei so extrem, dass man nicht weiß ob aus Geschäftslust oder Todesangst, weil sie sonst abends wieder ohne einen Cent nach Hause kommen. Oder die Eros-Thanatos-Geräusche in einem anderen Hotelzimmer: stirbt jemand oder treiben es welche nur miteinander? In den siebziger Jahren gab es bei dem indischen Guru Bhagwan Rajneesh eine sogenannte „dynamische Meditation". Die Leute gurrten, krächzten, schrieen, stöhnten und lärmten dabei so chaotisch, dass Todeslaute von solchen der Lust nicht mehr zu unterscheiden waren. Meditativ war das ja in Ordnung, aber man hätte die Motive schon differenzieren sollen. Es hätte ein klares „Spricht", eine psychosomatische Therapie gebraucht.
Es war die jod- und salzhaltige Gischt des Meeres, die in der Geschichte eines jungen Mannes, der über Allergien klagte und dem durch regelmäßige Cortison-Spritzen sämtliche Haare ausgefallen waren, eine eindrucksvolle Rolle spielte. Ich weigerte mich, ihm wieder so eine Spritze zu geben (er hatte den Zusammenhang seines Haarausfalls mit dem Cortison noch nicht ganz erkannt). Ich gab ihm nur ein linderndes Mittel und schrieb ihm ein Attest aus, zu einer Kur an die Nordsee zu fahren. Es war Herbst und an der See schon recht rau und scheußlich. Aber er kam zwar nicht gebessert aber doch irgendwie positiv gestimmt zurück und fuhr in der Folgezeit noch mehrmals gerade zu solch wild-rauen Jahreszeiten dorthin. Schließlich sind alle Haare wieder nachgewachsen. Und vor allem war er jetzt auch empfänglich für Gespräche bezüglich der Psychosomatik, denn die Allergien hatten auch seelische Gründe. Hätte er doch mit einer psychosomatischen Behandlung angefangen! Wäre er doch mündiger gewesen!
„Sie neutralisieren Ihre Triebe zu stark", sagte ich zu einem Mann, zu dem ich mehrmals wegen lästiger Infekte im Atemwegs- und Hautbereich gerufen worden war. Auch er war nicht mündig. Er hatte mir von seiner überprotektiven Mutter erzählt, die ihn bei jedem Schnupfen mehrmals am Tage anruft, Ratschläge gibt und Tröstungen verteilt. Natürlich will er diese Telephonate nicht, aber was wollte er dann? Wollte er den „Klang" der Mutterstimme hören, wollte er dem wärmenden Rascheln, dem Lispeln menschlich-mütterlicher Laute lauschen? Er war mutterfixiert. „Gehen Sie doch das Singen des hohen Schilfs hören, die Blätter-im-Wind-Geräusche, das Pfeifen der Rohrdommeln . . .", hätte ich am liebsten zu ihm gesagt. Aber es schien mir dann doch zu sentimental-naturalistisch. So ein Ratschlag wäre ja noch abwegiger gewesen wie die Inzestdeutung bei der Angina-pectoris-Patientin. Also wählte ich doch wieder den psychoanalytischen Zugang, obwohl dieser wie gesagt so - quasi aufoktroyiert - gar nicht funktionieren kann. Man müsste sich zuerst auf eine analytische Beziehung einigen und einen Raum dafür schaffen. Aber was soll man im Notdienst tun? Wenn ich ihm nur ganz sachlich eine Therapie empfehle, geht er nicht hin.
Diese überprotektiven Mütter sind genau so schädlich wie der konfessionelle Religionsunterricht. Weder mit dem einem noch mit dem anderen können die Söhne eine Vateridentität aufbauen. Mein Patient hatte selbst erkannt, dass die väterliche Stimme zu weich war, argumentativ zu lasch, inhaltlich zu pauschal. Der Tenor der Mutter hatte dagegen stets vorgeherrscht und so blieb er ihm verhaftet, ein akustischer Ödipus sozusagen. Und tatsächlich: die Mutter ging sogar manchmal - wenn sie zu Besuch war - soweit, ihm selbst die Nase zu putzen. Sie förderte den Ausstoß des Ejakulats aus der Nase - wenn das jetzt nicht zu freudianisch klingt - um ihn (unbewusst) weiterhin an sich zu binden. Auf jeden Fall war in Dur und Moll eine Vertrautheit, eine behaglich gewohnte Nestharmonie zwischen ihnen beiden, Mutter und Sohn. Was brauchte man da eine eigene Familie gründen, sich gesellschaftlich irgendwo zu engagieren und einen Durchbruch in der gesundheitlichen Robustheit zu versuchen! Was brauchte dieser junge Mann noch nach dem napoleonischen Dreiklang von victoire, vitalité, vitesse, zu streben! Der Tag war strukturiert - wie das modernerweise heute die Sozialpädagogen nennen, er war strukturiert durch die Anrufe und die ständige Präsenz eines matriarchalen Bildes, einer doppelten Mutterimago: einer mater dolorosa und der femme fatale.
Denn diese Mutter verstand es, nicht nur warm und gefühlsstark zu sein, sondern auch interessant! „Meine Mutter umgibt fast ein Geheimnis", sagte der Patient zu mir, „sie verbreitet Atmosphäre." Klang das nicht sehr nach dem 'odor di femina´, nach dem Duft der Frauen, aber das heißt in diesem Zusammenhang doch nach dem Duft einer mütterlichen Verführung? Egal, es geht einem damit wirklich so wie mit den Marienbildern: sie sollen zu grenzenloser Sanftmut, die aber doch nur Unterwerfung und zu kitschiger Anmut, die aber doch nur verdrängte Erotik ist, verführen. Deswegen denke ich, man sollte in den Schulen Religion ins Fach Geschichte eingliedern, denn was brauchen wir diese veraltete Moral? Und auch Mathematik sollte vereinfacht und mit anderen naturwissenschaftlichen Fächern zusammengelegt werden, mit mehr Schwerpunkt auf die neue Einsteinsche Geometrie (Topologie), die das Naturverständnis aller beteiligten Fächer verbessert. Dafür würde Platz frei für ein neues Fach: Beziehungskunde! Warum lernen wir nicht in der Schule, wie man mit zwischenmenschlichen Beziehungen umgeht, wie vielschichtig die Beziehung zwischen Mann und Frau ist (nicht nur sexualkundlich) und die zwischen Eltern und Kind, Einheimischen und Fremden und Universitätsdozent und Schüler? Und wie man mit sich und Krankheiten umgehen kann und muss?
Bezugsquelle:
Nachts, im Notdienst fahren: Ärztlich - psychologische Reflexionen
[1] Etwas, das man früher als hysterische Neurose bezeichnet hat.
[2] Ein Mittel zum Verlangsamen des Pulses und auch zur Blutdrucksenkung.
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