Selbst- und Objektrepräsentanzen (in der Psychoanalyse)
In der herkömmlichen Psychoanalyse wird sehr darauf geachtet, dass der Patient lernt seine Selbst- und Objektrepräsentanzen voneinander zu unterscheiden und so differenziert mit ihnen umzugehen. Ursprünglich waren diese beiden Repräsentanzen, die für den Menschen also in ihm sein eigenes Selbst (Ich) und die Umgebungsobjekte darstellen, nicht voneinander getrennt. Der Säugling hält die Brust der Mutter für etwas von sich selbst und dann wiederum findet er seinen eigenen Mund nicht wieder, die Mutter muss ihm ihre Brust in den Mund geben (er könnte nicht an ihr hochkrabbeln und die Brust finden).
Heranreifend baut der Mensch sich dann mit Hilfe dieser Repräsentanzen eine Welt auf, die - neben der Normalität durch völlige, perfekte und ständige Anpassung - auch neurotisch oder psychotisch sein kann. Vermittels von Zwängen, Verdrängungen, Projektionen und anderen psychischen Abwehrmechanismen kann er diese Repräsentanzen durcheinanderbringen und sich eine Scheinwelt aufbauen. Bricht diese jedoch durch irgendwelche gröbere Ereignisse zusammen, regrediert er wieder auf die frühe Stufe der ungetrennten Repräsentanzen, und braucht dringend Hilfe. Er hat dann keine klare Beziehung zu sich selbst und keine gefestigte Objektbeziehung.Wenn er nun durch die Therapie hindurchgegangen ist, später also, weiß er nunmehr: das ist die Brust, die gehört zur Mutter, das ist mein Mund, mit dem kann ich auch andere Dinge mir zuführen. Ich kann meinen Gaumen kitzeln ohne den warmen, pulsierenden Körper der Mutter dabei fühlen zu müssen und ich betrachte die Mutter als ein eigenständiges Wesen, das eigene Bedürfnisse und Vorlieben besitzt und nicht nur mich im Sinne hat. Das also ist der Weg der herkömmlichen Psychoanalyse und wer soweit ist wie gerade beschrieben, weil er alles auseinanderhalten kann, ist geheilt.
Doch ich möchte dem etwas gegenüber oder besser noch hinzu setzen. Die Heilung ist nicht ganz vollständig. Der voll fähige und psychisch reiche Mensch muss meiner Meinung nach auch einen Zustand lebend erfahren und damit umgehen können, in dem die Objekt- und Selbstrepräsentanzen wieder wenigstens zeitweise und ins übliche Leben integriert verschmolzen sind. Dahin darf er natürlich nicht durch pathologische Regression geraten. Es muss eine konstruktive Regression sein, und das heißt besser ausgedrückt: es muss etwas sein, das mit dem Wort Regression überhaupt nicht gut ausdrückt werden kann, sondern etwas Konstruktives an sich ist, etwas, das schon ‚struktiv' von vornherein ist, so dann man nur noch ein bisschen ‚kon' dazugeben muss.
Was kann dies sein? Die Psychoanalyse ist eine der Sprache und dem Sprechen äußerst verwandte Wissenschaft. Lacan sagt, dass das Unbewusste strukturiert ist wie eine Sprache, ja, es ist die Sprache des Anderen (des ganz Anderen, der Andersheit als solcher). Lacan benutzt deswegen die aus der Linguistik stammenden Signifikanten (‚Bedeuter', Sinn-Bedeutungs-Einheiten, die nicht Zeichen von etwas sind, sondern Zeichen eines Subjekts). Um es einfacher zu erklären sage ich immer, dass die sich aneinander reihenden Signifikanten wie elektromagnetische Wellen sind und am besten am Wesen des Films demonstriert werden können. Dort wechseln sich nämlich Bild (bildliche Einstellung, Blick der Kamera und es Regisseurs) und Wort (Geräusche, Dialoge etc.) wie elektrische und magnetische Elemente ständig ab oder sind ineinander verwickelt. Zusammen ergeben sie eine einheitliche Welle. Die Psychoanalyse nun setzt also mehr auf die Wort-Signifikanten (sagen wir auf den elektrischen Teil, der magnetische hinkt hinterher). Zwar werden Bilder im Traum oder auch solche aus der Erinnerung gedeutet, aber die reinen Wort-Versprecher oder selbstentlarvende verbalen Geständnisse des Patienten lassen sich viel einfacher für den Erfolg der Therapie nutzen.
Wenn ich also oben von konstruktiv gesprochen habe, so deswegen, dass ich ein direktes Element der Wort-Bild-Signifikanten, des direkten Elektromagnetismus nutzen will, ohne dabei regressiv zu sein. Natürlich kann es nur ein Element, ein Schlüssel, ein wichtiges Teil sein, das ich so konstruktiv einsetzen kann um damit dem ganzen analytischen Vorgehen noch eine Dimension hinzu zu gewinnen. Die des geschlossenen Selbst-Objekt-Repräsentanzenbezugs. Mit anderen Worten: man kann die Psychoanalyse nicht völlig umdrehen und die in sich geschlossene Selbst- und Objektrepräsentanz als Heilmittel preisen. Aber man kann ihr ein Element dieser Art zufügen. Ohnehin hält niemand diese beiden Repräsentanzen völlig auseinander und geht damit perfekt um. Und Künstler der verschiedensten Bereiche benötigen sogar zeitweise Verschmelzungen dieser beiden Repräsentanzen, um wirklich kreativ zu sein.
Vereinfacht könnte man -um die Begriffe noch besser zu erklären - die Selbstrepräsentanz mit dem in der psychoanalytischen Fachsprache üblichen Bezeichnung der Identifizierung gleichsetzen. Denn die Identifizierung ist eine mehr im Imaginären (Bildhaften) angesiedelte Verinnerlichung (Inkorporation), bei der man sich, sein Ich, sein Selbst, um die Ähnlichkeit mit irgendetwas anderem bereichern will. Man trägt die gleichen Kleider wie das verehrte oder geliebte Vorbild, man vergrößert also sich selbst um diese Aspekte. Die Objektrepräsentanz dagegen hat mehr mit dem Fachbegriff der Introjektion zu tun, die eher Symbolisches betrifft, indem man den Wert, das Logo einer Sache so sehr verinnerlicht, dass diese unabhängig von ihrer äußeren Verfügbarkeit eben im Inneren weiterbesteht. Es ist nun leicht einzusehen, dass es vieles gibt, das beiden Vorgängen entspricht, und man sich z. B. mit der Größe einer Nation identifiziert, aber gleichzeitig diese Nation als eigene verinnerlichte Aufgabe und Berufung betrachtet. Kurz: man ist voll und ganz Nationalist.
Man könnte auch voll und ganz Mensch sein. Dann dürfte ich - um beim obigen Beispiel mit Brust und Mund zu bleiben - für einen Moment die Brust mit meinem Mund identisch nehmen, und mein Mund könnte sich ganz leicht spitzen, vorschieben, um ein Lächeln zu sein, ein zugewendetes, absichtlich zaghaftes, das eine ganz flüchtige und allermomentanste Wärme abstrahlt. Etwas Ähnliches wie eine scheinbare Umarmung. Es kann auch mein Auge sein (Selbst- und Objektrepräsentanz im Sehfeld ist etwas ganz Eigenes, und ich will es später erläutern), das den von ihm ausgehenden Lichtpartikel im anderen zum leuchten kommen lässt, so dass er als leichte Erhebung meines Sinns, meines Fühlens wieder zu mir zurückkommt (etwas Ähnliches wie ein Liebesaugenblick).
Der Journalist T. Parks beschreibt diesen Zustand von Selbst- und Objektverschmelzung nach einer Meditation wie folgt: „Die Dinge sind, wie sie sind. Diese Schale. Der Tisch. Weißer Joghurt. Beim letzten Frühstück war ich überwältigt von der schieren Gegenwart aller Dinge. Dieses Brot, dieses Stück Butter. Ich starrte alles an. Wie bei einem Cezanne war jeder Gegenstand befreit vom Geflecht menschlicher Interpretation. Eine Tasse neben einer Melonenspalte. Ganz sie selbst. . . Die Tasse, die Melone waren Dinge ohne Worte, standen nicht in einem Zusammenhang, waren nicht Teil eines Satzes oder einer Geschichte. Und es gab keine Distanz zwischen uns. Ich war in der Tasse, ich war klebrig von der Melone. . . . Ich berührte sie. Sie berührten mich. Das Anschauen war eine Berührung. Vielleicht sind Worte ein Schutz. Worte halten die Welt auf Abstand. . . Ich war sprachlos, dort, mittendrin. Ich war wirklich ganz da."
Eigentlich sollte dies der Normalzustand eines jeden Menschen sein und ist es auch oft. Man wäre in den Dingen und die Dinge in uns, wie ich und Parks es gerade beschrieben haben. Und zwischendurch benutzen wir selbstverständlich Worte, Worte, die genauso in sich selbst Berührung sind, Schlüsselworte, Sprach-Signifikanten. Ob der Signifikant mehr bildlich ist wie in Parks Schilderung oder mehr verbal wie bei einem Dichter, ist egal. Warum sollten sie sich nicht abwechseln, mal Strom, mal Magnet sein? Nur in Momenten, wenn man zu seinem eigenen Leben einmal Distanz braucht oder auch die Objekte um sich herum einmal wegschieben muss, gilt die herkömmlich psychoanalytische Regel der Differenzierung. Aber sonst kann es kein Fehler sein ganz da zu sein, d. h. einfach schon durch die Tatsache, dass man da ist, gut gestimmt sein, das Gefühl haben, dass man wie umarmt ist. Existieren, weil es so gut ist zu existieren.
Manchem Psychoanalytiker wird dies zu banal klingen. Also werde ich noch verraten, wie das Verfahren, mit den Repräsentanzen nicht nur differenziert sondern auch integriert umzugehen, zu Stande kommt. Integration ist auch in der klassischen Psychoanalyse das Stichwort für den Zusammenbau aller durch die Analyse gewonnenen Einsichten zu einem Ganzen - hier allerdings vor allem auf verbal-symbolischen Wegen. Der Patient muss also in Worten diese Integration formulieren können, er muss sein Wort machen, sich sprachlich so ausdrücken können, dass er selbst versteht wie er die Repräsentanzen nunmehr handhaben kann. Das heißt aber meint nicht, dass er sich - wie es auch T. Parks sagte - damit wie berührt vorkommt, und dass er mit diese Integration auch wirklich lebt, sie ist. Ich habe oft Patienten erlebt, die nach jahrelanger Psychoanalyse sich nicht wesentlich gebessert vorkamen und auch nicht beschreiben konnten, was mit ihnen vorgegangen war. Ich muss zugeben, auch einige meiner Patienten waren nach langen therapeutischen Bemühungen in dieser Verfassung. Dies hat mich schließlich bewogen, etwas - wie oben gesagt - hinzu zusetzen. Es handelt sich um das, was ich auf mehreren Webseiten Analytische Psychokatharsis genannt und beschrieben habe (siehe auch freie Download - Broschüre). Hier ist das Verfahren genau beschrieben und die Praxis erklärt, die die hier geschilderte Theorie bestätigt.
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