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Die Geburt des Namens

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J. Lacan schrieb einmal, dass der Name die Zeit des Objekts sei. Er orientierte sich hierbei an dem Philosophen G. W. Hegel, der schon vor mehr als hundert Jahren behauptet hatte, dass das Wort ein Mord an der Sache ist. Wenn man einmal in das Ursprungsland der Menschheit fährt, etwa in die Savanne von Tansania, kann man diese Bemerkungen allesamt ganz gut nachvollziehen. Dort sollen von ca. 1,8 Millionen Jahren die Früh-Menschen erstmals das Feuer gezähmt haben. R. Wrangham stellte die These auf (Catching fire: How Cooking made us Human.), dass durch den Umgang mit Feuer die Vor- oder Frühmenschen erstmals auf dem Boden der Savanne schlafen konnten (das Feuer hielt die wilden Tiere ab) und auch durch Kochen der Nahrung sich besser ernähren konnten. Beides war lebensnotwendig, wenn  man nicht ewig im Urwald verbleiben und auf den Bäumen schlafen wollte.

Dazu kam, dass man mit der Zähmung des Feuers auch ein Verständnis für den Umgang mit dem inneren Feuer, den seelischen Affekten, bekam. S. Freud näherte sich diesem Thema über das Brennen in der Harnröhre beim Urinieren, mit dem man auch Feuer löschen konnte, und zwar das innere wie das äußere zugleich. Innen und Außen fanden sich also durch die verschiedensten Funktionen verschränkt und verknüpft vor. Erst derartige Zusammenhänge und ihr Verständnis haben veranlasst, dass man Worte benutzte. Vorher gab es mehr oder weniger nur die Dinge allein. Man war selbst Ding unter Dingen. Die Vor-Menschen, also noch - wenn auch hochentwickelte - Tiere, sogen den Duft des Grases in sich ein, atmeten mit den Blättern der Bäume und stießen sich Rufe zu, die aus dem Lärm des Urwaldes stammten.  Bei ihnen waren die Dinge noch Sache, und es gab keine Zeit. Als sie als Früh-Menschen zu sprechen begannen, sogen sie den Duft des Grases nicht mehr ein, atmeten nicht mehr mit den Blättern der Bäume und stießen sich erste Worte zu, mit denen die Dinge nun mehr und mehr zu symbolischen Objekten wurden und in ihrem Sachbezug sozusagen abstarben.

Sprachwissenschaftler sind sich heute einig, dass es nicht genügte, Worte (oder besser anfänglich: Lautkombinationen) für die Dinge zu benutzen, indem man evtl. darauf zeigte und dann eine Bezeichnung dafür hervorstieß. So etwas mag es auch gegeben haben, aber essentiell sind in der Sprachentwicklung des Menschen eher Identitätsworte oder Losungsworte gewesen. Man war beispielsweise ein Bewältiger des feurigen Brennens geworden, ein Brenner und ein Löscher, ein „Brunzler",[1] ein „Brennzler".[2] Man war nicht mehr nur ein Tiermensch sondern ein Gottmensch wie Prometheus, der den Göttern das Feuer raubte. Man war „Agni" (ein Gottmensch aus der indischen Mythologie) geworden oder irgend so jemand, und darin erkannte man sich wieder, wenn man jemanden mit diesem Losungswort anrief und dieser es verstand. „Brunzler", „Brennzler",  du und ich, da konnte man sicher sein.

Denn man muss sich vorstellen, dass es für die ersten Menschen sehr schwer war, sich von den zahlreichen Früh- und Vor-Menschen zu unterscheiden, mit denen man doch noch eben gerade alles gemeinsam hatte. Aber mit dem hier nur als Beispiel vorgetragenen feuerverbundenen Losungswort konnte man sich abgrenzen. Es genügte nicht, dass man nur stumm und mechanisch eine  Feuerstelle am Leben erhielt und bewachte so wie auch heute noch viele Tiere Nahrungsvorräte sammeln und an einem Ort bewahren und bewachen. Es muss ein Identitätswort mit im Spiel gewesen sein, sonst wären die Australopithazeen oder wie man die Vor-Menschen auch immer heißen mag, nicht Homines geworden. Zug um Zug, handelnd / sprechend, namensgebend / erkennend, erlebend / denkend, müssen die ersten Generationen von Menschen entstanden sein. Die ersten Worte bzw. Namen waren nicht aus zufälligen Lautkombinationen erwachsen, sondern aus einem gemeinsamen Kampf, Erleben, Bewältigen mit gleichzeitigem inneren Erfahren, das man sich dabei enthüllte, verbunden gewesen. Feuer zu zähmen war nicht eine besonders mutige und heroische Tat (das vielleicht nur zum kleinen Teil), sondern eine gemeinsame Enthüllung einer inneren / äußeren Erfahrung, eines inneren / äußeren Geschehens, in einem gemeinsamen Akt, der alles in allem eher ein Geburt glich, als nur einer Tat.

Nicht umsonst hat S. Freud seine Theorie eine Sexualtheorie genannt, weil in all diesen Vorgängen etwas Erotisches mitschwingt, auch wenn es mit dem, was wir unter erwachsener und mehr männlich betonter Sexualität verstehen, gar nichts zu tun hat. Aber Zeugung und Geburt, sehr intimes, inbrünstig Erfahrenes oder Getanes, „Brennzeln" und Ähnliches lassen sich nicht als nüchtern Objektives verstehen, sind aber auch nicht subjektive Einbildungen. Bis man einen gültigen und sich bei allen Individuen eingebürgerten Namen z. B. für eben dieses Brennen-Machen, für diesen „Brunzler" hatte, war es wie eine Schwangerschaft und Geburt mit der schließlich ein solcher Name in einem selbst gewachsen und dann herausgepresst, hervorgedrückt und befreiend enthüllt werden konnte. Man hat nicht einfach Dinge bezeichnet, man hat Namen geboren. Denn mit jedem Ding außen war auch ein Ding innen gemeint.

Dieser Doppelaspekt kommt in den heutigen Wissenschaften völlig zu kurz. In der Physik sind die „Brennzel"-Aspekte (ich benutze weiter dieses Beispiel) völlig nach außen in immer gewaltigere Maschinen verbannt worden, um nur ja zu beweisen, dass der Physiker um der totalen Objektivität willen sich hier selbst ganz aus dem Spiel lässt. Aber je grotesker die Maschinen werden, um zu bestätigen, dass so etwas wie das Higgsteilchen existiert (ein virtuelles Teilchen im LHC erzeugt), desto mehr wird auch klar, dass die Heisenbergsche Unschärferelation immer noch genug Subjektives mit in die Untersuchungen hereinbringt. Die Maschinen des Untersuchers selbst unterliegen den gleichen Quantenprozessen wie das untersuchte Material und es wird immer schwieriger „objektive" Physik zu praktizieren. Die Schwangerschaft und der Geburtsakt des Physikers wird immer komplexer und komplizierter. Sie wollen einen Namen gebären für das, was sie die allgemeine Weltformel nennen. Für die große Gemeinschaft der Menschen wird dieser Name allerdings nicht taugen. Wenn es auch nicht so kommen wird, dass die Physiker sich ins Irrenhaus zurückziehen werden wie in Dürrenmatts gleichnamigem Stück, so werden sie doch nur noch unter sich diesen Namen verwenden können.

Bei den Geisteswissenschaften ist die Lage auch nicht besser. Der Name „Gott", den einst die Menschen wirklich unter starken Wehen und Schmerzen auf die Welt gebracht haben und der lange segensreich gewirkt hat, ist heute ebenso verbraucht oder abstrus geworden. Entweder man muss ihn vollkommen umdeuten oder einen anderen dafür einsetzen. Hier sehe ich eine Chance für die Psychoanalyse, in der der Patient oft stellvertretend für seine Sippe den wahren Namen seines Begehrens, seiner in Unbewusste verdrängten Sehnsüchte in hunderten von Fühl-, Denk-, Angst- und Erkenntnisstunden gebären muss. Doch wie so oft in der Geschichte der Menschheit, bekommt er dieses Kind der Analyse, dieses Namens-Kind zwar selbst mit nach Hause, aber es wird nicht offiziell und öffentlich anerkannt. Die Vaterschaft und damit den eigentlichen und bestätigenden Namen beraten die Analytiker auf ihren Kongressen und lassen ihn dann in den nur für sie selbst gültigen Fachzeitschriftenzirkulieren. Daran war Freud selbst ein bisschen mit schuld, denn er zimmerte sich zusätzlich zu seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen noch eine Fachgesellschaft zurecht, die heute wie eine politische Organisation über Recht und Unrecht wacht.

Aber wenn wir außerhalb / innerhalb von Natur- und Geisteswissenschaften (denn etliches von beiden muss in den Gebärvorgang einbezogen werden) die Geburtenrate wieder erhöhen  und auch die Gebärenden in ihren Rechten voll belassen wollen, müssen wir von der Psychoanalyse ausgehend die Wissenschaft in einer Weise neu formen, die allen zugänglich und doch auch wirkliche Namensgeburt, Namenshervorbringung, ja reine „Benamung" ist.[3]

Das Verfahren, mit dem ich die Geburt des Namens allgemein voranbringen möchte, habe ich Analytische Psychokatharsis genannt, wohlwissend, dass dies ebenfalls wieder einen zu voreiligen Hebammengriff darstellt. Denn in der Geburt des Namens benötigt man evtl. nur während der Geburt selbst die Dienste eine Hebamme. Schon Sokrates hatte genau in diesem Sinne seine Methode der Namensgeburt „Maieutik" genannt (Hebammenkunst). Er pflegte scheinbar müßig auf der antiken Agora in Athen herumzulaufen und die verschiedensten Leute in ein befruchtendes Gespräch zu verwickeln. In dem Hin- und Her der Argumente, mythischer Logik und Dialektik kam es allerdings oft dazu, dass die eigentliche Geburt nicht gelang. So im Parmenides z. B., wo es um das „Eine" des Seins geht. Trotzdem haben die vom ihn inaugurierten Namen, d. h. die mit seiner „Maieutik" zu Tage geförderte  Philo- (Liebe) Sophie (Weisheit) mehr als zwei Jahrtausende überlebt. Doch jetzt ist es eben Zeit für neue Geburtstechniken. Die Analytische Psychokatharsis ist eine sanfte natürliche Methode und doch von der präzisen und sicheren Art eines Kaiserschnitts.

Man braucht sich nur hinzusetzen und eine Formulierung anzuwenden, die nach genauen, wissenschaftlichen Erfordernissen aufgebaut ist (darin liegt der Kaiserschnitt), dann aber doch wie seit eh und je mit einem meditationsähnlichen Verfahren Als ein Stück eigenen Lebens zur Welt gebracht wird. Das kann freilich einige Zeit dauern wie es eben jede Geburt verlangt. Ich stütze mich bezüglich dieser Formulierung, die einem psycho-physischen Knoten gleicht, auf die Sprach-, Zeichen-, sowie die geometrische und psychoanalytische Wissenschaft. Eine derartige Knotenformulierung besteht z. B. in dem Ausdruck ENS - CIS - NOM, worüber ich in der gleichlautenden Webseite (forum-ens-cis-nom.com) ausführlich berichtet habe und daher jetzt auf diese Darstellung verweise.



[1] Dieser Ausdruck für urinieren entstammt einem österreichischen Dialekt und enthält wohl im Wortstamm das Brennen wie auch den Brunnen, vielleicht auch das Bruzeln und das Adverb brenzlig, das eben ideal die Mischung der in diesem Namen ausgesagten Dinge vereint.

[2] Wenn ich dieses Kunstwort im gleichen Sinne hier verwenden darf.

[3] Ich wähle diesen Ausdruck, weil darin nicht nur im Wort „Namung" die Benennung ursprünglicher, geburtsähnlicher ausgedrückt ist, sondern auch die Zeugung, die Besamung, mit anklingt (so wurde es mir jedenfalls von vielen Lesern bestätigt, wodurch ich die in der Psychoanalyse übliche Anwendung der „freien Assoziation" ebenfalls zur Geltung bringen kann.

 

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